Diese Festschrift zum 100. Geburtstag des Münchner Kindl-Heims, des ehemaligen Städtischen Kinderasyls, soll einen geschichtlichen Überblick vom "Beschluss des Magistrats und des Gemeindebevollmächtigtenkollegiums der kgl. Haupt- und Residenzstadt München über die Gründung eines Asyls für hilfs-, pflege- und erziehungsbedürftige Kinder" vom 2. März 1871 und von der eigentlichen Geburtsstunde des städt. Kinderasyls am 1. September 1892, bis zum Jubiläumstag im Jahre 1992 geben.
Wir versuchen aufzuzeigen, was sich in diesen einhundert Jahren äußerlich und innerlich, organisatorisch und pädagogisch verändert hat.
Wir werden dabei jedoch feststellen, dass bei allem Wandel sehr viel konstant geblieben ist, und es nur in einer der jeweiligen geschichtlichen Epoche entsprechenden Form und Sprache erscheint.
Dass diese Tradition nicht nur auf dem Papier steht, sondern auch als ein Stück pädagogische Kontinuität im Münchner Kindl-Heim weiterlebt, dazu trugen und tragen nicht zuletzt die seit 1963 regelmäßig stattfindenden "Ehemaligentreffen" bei, bei denen nicht nur Erinnerung und Geselligkeit gepflegt werden. Vielmehr findet dabei eine für uns heutige Pädagoginnen und Pädagogen wichtige menschliche Begegnung und ein interessanter pädagogischer Erfahrungsaustausch zwischen den Generationen statt, zumal zu den ersten Treffen noch Ehemalige aus der "Gründerzeit" kamen.
Aus den so ganz persönlichen Berichten und Erzählungen der Ehemaligen, und aus den uns zum Teil vom Stadtarchiv zur Verfügung gestellten schriftlichen Dokumenten, können wir uns ein sehr gutes Bild davon machen, was das städt. Kinderasyl und das Münchner Kindl-Heim einst war und wie es sich zu dem entwickelt hat, was es heute ist.
Ist es vermessen zu sagen, dass es seine Identität weitgehend bewahrt hat? Wir hoffen, dass die folgenden "Schwerpunkte" und der geschichtliche Überblick darauf eine Antwort geben können.
Der soziale Weitblick und das soziale Engagement der Münchner Stadtväter, der Münchner Bürgerinnen und Bürger und der Mitarbeiterschaft des Heims ist von der Gründung bis heute, bis zu den segensreichen Aktivitäten des Vereins "Freunde des Münchner Kindl-Heims e.V.", der im Jahre 1992 sein 35jähriges Bestehen feiert, erhalten geblieben.
Ein weiteres Charakteristikum des Münchner Kindl-Heims ist seine allgemein bekannte Liberalität. Schon in den Ausführungen zum Gründungsbeschluss aus dem Jahre 1891 steht, dass "Kinder ohne konfessionelle Grenzen im städt. Kinderasyl Aufnahme finden sollen". Heute ist das Münchner Kindl-Heim nicht nur ein überkonfessionelles, sondern auch ein übernationales Heim, in dem Kinder und Jugendliche aus rund 20 Nationen - aus den verschiedensten Krisengebieten der Welt - friedlich zusammenleben. Der etwas verpönte alte Name "Kinderasyl" hat wieder eine neue positive Bedeutung erhalten. Aber nicht nur die Kinder und Jugendlichen, auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schätzen den liberalen Geist des Hauses.
Eine nicht nach Geschlechtern getrennte Unterbringung der Kinder war nach dem Statut von 1891 im städt. Kinderasyl schon vom ersten Tag an möglich - wenn auch vorerst nur innerhalb des Hauses, so hat sich dies im Laufe der Jahre doch weiterentwickelt. Der darin sich äußernde Weitblick zeigt sich in der Tatsache, dass das städt. Kinderasyl von Anfang an keine sog. "Anstalt", sondern ein "Heim" im eigentlichen Sinn dieses Wortes sein sollte. Schon nach den Gründungsbeschlüssen und nach einem Bericht zum 25jährigen Bestehen aus dem Jahre 1917 ist es die Aufgabe des städt. Kinderasyls, die "häusliche Erziehung nach Möglichkeit zu ersetzen" und das "Band der Liebe soll Leiter und Pfleglinge verbinden", es sollte den "verlassenen Kriegswaisen ein trautes Heim werden". Und viele Jahre vor der offiziellen Einführung der sog. "Familiengruppen" wird in einem Bericht aus dem Jahre 1937 - entgegen der damaligen Ideologie - von einem "familiär geführten Hause" gesprochen und der Verwaltungsbericht für das Jahr 1938/39 enthält de facto schon die Indikation für die Aufnahme in ein heilpädagogisches Heim, die fast heute noch Gültigkeit hat: "Nahezu alle Kinder sind durch den Tod der Eltern, durch Zerfall der Familie oder Vernachlässigung der Erziehung, durch die Unmöglichkeit bei der unverheirateten Mutter zu wohnen in ihrem Gemüt und in ihrem Charakter geschädigt. Auch die unbeschwerte Kindesnatur braucht eine gewisse Zeit, bis sie über die Schicksalsschläge des Lebens, die meist viel trauriger empfunden werden als die Erwachsenen annehmen, hinweg kommt und ruhig und aufnahmebereit wird."
In dem Bericht aus dem Jahre 1917 zum 25jährigen Jubiläum wird von der Notwendigkeit einer "Nachbetreuung" der aus dem Heim Entlassenen gesprochen. Über 60 Jahre vor der Aufnahme der Nachbetreuung in das offizielle heilpädagogische Konzept des Heims können wir lesen, dass "die Erziehung beim Heimaustritt nicht abgeschlossen sein darf", dass man "in Kontakt mit dem Entlassenen bleiben muss", dass diese gerne ins Heim zurückkehren um sich Rat zu holen, "wenn das Leben oft recht hart an sie herantritt" und dass diese Heimentlassenen auch noch finanziell unterstützt wurden.
Ein weiterer Satz aus dem eben erwähnten Bericht soll nicht unerwähnt bleiben, weil er zwei ganz wichtige pädagogische Tugenden anspricht, nämlich eine gewisse Selbstkritik und einen starken menschlichen und erzieherischen Optimismus: "Wenn der eine oder andere Zögling - es sind deren nur wenige - uns draußen im Leben enttäuscht hat, so wird uns das fernerhin nicht hindern, mit großer Freude am Erziehungswerke weiterzuarbeiten, so lang es unsere Kräfte erlauben".
All diese oben erwähnten Aussagen und Gedanken stehen sinngemäß auch in unserem heutigen heilpädagogischen Konzept - entscheidend jedoch ist, dass sie im erzieherischen Alltag praktiziert werden. Vielleicht können wir auch das von unseren pädagogischen Müttern und Vätern lernen: dass wir der Theorie nicht ein größeres Gewicht beimessen als der Praxis.
Vom Kinderasyl zum heilpädagogischen Kinder- und Jugendheim
Das Kinderasyl, an der Hochstraße 8 in München, war eine durch Beschlüsse beider Gemeindekollegien (Magistrat und Gemeindebevollmächtigte) vom 2. März 1871 und vom 24. September und 30. Oktober 1885 zur Erinnerung an die Beendigung des Deutsch-Französischen Krieges und an König Ludwig I. gegründete, mit Gemeindemitteln und freiwilligen Spenden dotierte Wohltätigkeitsanstalt der Stadt München. Im Protokoll vom 2. März 1871 über die gemeinschaftliche Sitzung der beiden Kollegien der Stadtgemeinde München bezüglich der "Gründung eines Asyls für pflege-, hilfs- und erziehungsbedürftige Kinder" zur Erinnerung an den Friedensschluss lesen wir dazu Folgendes:
"Um aus Anlaß des Friedensschlusses ihrer Freude, ihrem Danke und ihren Hoffnungen durch Gründung einer Wohltätigkeitsanstalt Ausdruck zu geben, versammelten sich heute Nachmittags 6 Uhr die Mitglieder beider Gemeindekollegien zu einer gemeinschaftlichen Festsitzung im Sitzungssaale der Herren Gemeindebevollmächtigen."
Der damalige l. Bürgermeister der kgl. Haupt- und Residenzstadt München, Herr Dr. Erhardt, beendete seine Festrede mit folgenden Worten:
"Es ziehmt sich, ein Fest des Friedens zu feiern und ich bin gewiß, daß die Bevölkerung Münchens gerne bereit wäre, ihrer freudigen Stimmung durch Festzüge, großartigen Häuserschmuck und Illumination Ausdruck zu geben.
Allein in solch großen, ernsten und feierlichen Momenten drängt es uns, unserem Danke und unserer Freude einen ernsten Ausdruck zu geben.
Wir wollen in dieser feierlichen Stunde ein Werk begründen, das nicht in wenigen Minuten verraucht, das seine segensreichen Wirkungen Jahrhunderte hindurch geltend machen soll - zum Nutzen und Frommen der Stadt und des gemeinen Wohles überhaupt, ein Werk, das nicht bloß uns, sondern allen unseren Nachkommen den Tag des Friedensschlusses in fortwährendem Andenken erhalten soll."
Der in dieser Sitzung einstimmig gefasste Beschluss lautete:
"Es sei zur Feier des Friedensschlusses in hiesiger Stadt ein Asyl zu gründen für hilfs-, pflege- und erziehungsbedürftige Kinder.
Bei der Aufnahme in diese Anstalt soll vorzugsweise auf solche hier heimatberechtigte Kinder Rücksicht genommen werden, deren Ernährer in diesem Kriege den Heldentod gestorben sind. Die Stadtgemeinde München bestimmt für diesen Zweck vorläufig eine Summe von hunderttausend Gulden."
Der sofortigen Ausführung dieses Beschlusses stellten sich jedoch unvorhergesehene Schwierigkeiten entgegen, dadurch verzögerte sich die Eröffnung des Kinderasyls auf lange Jahre hinaus.
Neben der Bauplatzfrage entwickelte sich nämlich die Frage nach der konfessionellen Stellung der Anstalt zu einer langjährigen Streitfrage. Einige Mitglieder des Kollegiums der Gemeindebevollmächtigten forderten, die Leitung des Kinderasyls einem religiösen Orden zu übertragen. Dieser Antrag wurde durch Beschluss der beiden Bürgermeister Dr. Erhardt und Dr. Wiedenmayer abgelehnt.
Die Begründung hierfür ist im Sitzungsprotokoll des Magistrats vom 31.Januar 1873 festgehalten:
"Die Kinder, welche in dem Asyle Aufnahme finden werden, sind gleich hilfsbedürftig, ob sie katholisch, protestantisch oder israelitisch sind. Die Aufgabe, ihnen die nötige geistige und körperliche Hilfe zu bringen, ist keine konfessionelle, sie ist vielmehr eine rein menschliche und eine allgemein sittliche. Zwischen den gemeinschaftlich hilfsbedürftigen Pfleglingen sollen in der Anstalt keine konfessionellen Scheidewände aufgeführt werden.
Das Band der Liebe soll die Leiter und Pfleglinge der Anstalt verbinden und letztere zur Tugend heranziehen, welche weder protestantisch, noch katholisch religiös ist, sondern sittlich religiös. Der konfessionellen Richtung ist der genügende Einfluß durch die Kirche und durch den Religionsunterricht der Schule gewahrt. "
Dieser Beschluss der beiden Bürgermeister fand am 19. Februar 1873 mit großer Mehrheit die Zustimmung der Gemeindebevollmächtigten. In den folgenden Jahren wurden dem Magistrat eine Reihe von Schenkungen für das zu gründende Kinderasyl zuteil, in denen besonders daraufhingewiesen wurde, dass die Aufnahme von Kindern ohne Rücksicht auf deren Konfession stattzufinden hat. Doch der Einfluss konfessioneller Mächte war sehr groß. Weder diese Hinweise noch der Einspruch einer Minderheit, der auch die beiden Bürgermeister angehörten - festgehalten in einem Separatvotum vom 3. November 1885 - konnten verhindern, dass die beiden Gemeindekollegien in ihren Sitzungen vom 9. und 22. Juli 1886 mit Stimmenmehrheit entgegen ihrem ursprünglichen feierlichen Entschluss beschlossen, zwei konfessionell getrennte Abteilungen für katholische und protestantische Kinder zu errichten. Gleichzeitig wurde beschlossen, mit dem Bau der Anstalt zu beginnen und deshalb weitere namhafte Gemeindemittel für das Kinderasyl bewilligt. Es wurde ein Statut ausgearbeitet das vorsah, die katholischen Kinder in der Hochstraße und die protestantischen Kinder in der Tumblingerstraße unterzubringen, sowie die Leitung der beiden Abteilungen Ordensgesellschaften anzuvertrauen.
Die konfessionelle Trennung der Kinder wurde jedoch durch die Beschlüsse der beiden Gemeindekollegien vom 30. Juli und 13. August 1891 wieder außer Kraft gesetzt und dadurch der ursprüngliche Beschluss vom 2. März 1871 wieder hergestellt. Am 15. September 1891 wurde das Statut für das Kinderasyl in seiner endgültigen Fassung von den beiden Gemeindekollegien verabschiedet und im darauffolgenden Jahr war der einem Barockschlösschen ähnliche Bau, in dem sich mittlerweile für die katholischen Kinder eine Hauskapelle und für die protestantischen Kinder ein Betsaal befand, vollendet.

Das städtische Kinderasyl an der Hochstraße wurde am 1. September 1892 eröffnet und mit 140 Kindern belegt. Die Kinder, die bis zur Eröffnung auf Kosten der Armenpflege größtenteils auf dem Land untergebracht waren, wurden in 4 Gruppen zu je 35 Kindern (2 Mädchen- und 2 Knabengruppen) unterteilt. Sie waren nach Altersstufen getrennt und zwar umfassten die beiden sog. "kleinen Abteilungen" die 1. mit der 5. bzw. 6. Klasse und die beiden "großen Abteilungen" die älteren Kinder ab der 6. bzw. 7. Klasse. Jede Abteilung wurde von einer Erzieherin geführt, die durch eine Pflegerin im hauswirtschaftlichen Bereich unterstützt wurde. Neben den 4 Gruppenerzieherinnen und den 4 Gruppenpflegerinnen waren noch 1 Anstaltsleiter, 1 Gesang-, Zeichen- und Turnlehrer, 2 Köchinnen, 1 Hausmeister, 3 Hausmägde, 1 Gärtner für den Obst- und Gemüseanbau sowie ein Schweizer für die Vieh- und Schweinehaltung angestellt.
Über das Leben in der Anstalt gibt uns der 1.Jahresbericht des Kinderasyls vom September 1893 Auskunft:
"Aufgabe der Anstalt ist es, die häusliche Erziehung nach Möglichkeit zu ersetzen und die Zöglinge zu treuen Kindern ihres Bekenntnisses und zu einfachen, guten und brauchbaren Menschen zu erziehen.
Die ausnahmsweise Sorge für eine höhere, wissenschaftliche, künstlerische oder gewerbliche Ausbildung ist im Falle besonderer Begabung nicht ausgeschlossen. (...)
Von den 140 im schulpflichtigen Alter stehenden Zöglingen (70 Knaben und 70 Mädchen), gehörten 120 der katholischen und 20 der protestantischen Konfession an.
Es befanden sich darunter 81 Halb- und 18 Vollwaisen, 29 hilflos verlassene und 12 stammen von Eltern, die absolut unfähig sind, ihre Kinder zu erziehen. (...)

Nach Schluß des Schuljahres wurden 98 Zöglinge versuchsweise auf 4 Wochen zu den früheren Pflegeeltern und Verwandten in Ferien entlassen. Mit Befriedigung kann konstatiert werden, dass der den Zöglingen gewährte Urlaub ohne jede schädigende Einwirkung auf dieselben und ohne jeden Unfall verlief. Den Kinder wurde hierdurch eine große Freude bereitet und sind dieselben durch die frische Landluft gestärkt und gekräftigt mit neuem Eifer in die Schule eingetreten. (. . .)
Der Pflege des religiös-sittlichen Lebens wurde die größte Aufmerksamkeit zugewendet. Das Asyl soll das Elternhaus er setzen. Gleichwie Vater und Mutter die ersten und einflußreichsten Religionslehrer sind, ebenso hat das Asyl als Stellvertreter der Eltern, die heilige Aufgabe, das Glaubensbedürfnis der Kinder, das dieselben als entwicklungsfähige Anlage mit zur Welt bringen, naturgemäß zu entwickeln. Das gute Beispiel der Erzieher wird aber allein nicht genügen, um die Religiosität in der Jugend vollständig zu entwickeln. Es ist deshalb im Asyl Sorge getragen, dass die Zöglinge an den religiösen Übungen im Hause, sowie an den gottesdienstlichen Verrichtungen in den betreffenden Konfessionskirchen so oft als möglich sich beteiligen. Insbesondere wurden die Zöglinge angehalten, beim Morgen- und Abendgebet der Wohltäter des Asyls zu gedenken. (. ..)
Die Anstaltsleitung war bestrebt, die Kinder zur Ordnung und Reinlichkeit, Gehorsam und Dankbarkeit, überhaupt zu allem Guten zu erziehen. Sie kann mit dem Erfolge zufrieden sein, denn das Verhalten der Zöglinge verdient nach jeder Richtung Lob.
Zur Förderung des Sparsamkeitssinnes und um den Kindern beim Verlassen der Anstalt einen kleinen Zehrpfennig mitgeben zu können, wurden die anfallenden Geldgeschenke bei der städtischen Sparkasse angelegt. (. ..)
Eine ganz besondere Sorgfalt wurde dem Handfertigkeitsunterrichte in der Anstalt selbst gewidmet und besuchten außerdem einige Zöglinge die bezüglichen Kurse des Volksbildungsvereins, welcher bereitwilligst teilweisen Nachlaß des Unterrichtshonorares gewährte.
Das Interesse für den Obstbau wurde durch Anlage und Pflege einer Baumschule im Anstaltsgarten geweckt und gefördert.

An schulfreien Nachmittagen wurden die Knaben auch zu leichteren Garten- und die Mädchen zu häuslichen Arbeiten angeleitet.
Die Zöglinge erhielten in der Anstalt außer Wohnung und Kleidung auch vollständige Kost und Verpflegung. Das Frühstück bestand in 1/3 Liter gekochter Milch mit Semmel, um 10 Uhr erhielt jedes Kind ein sogenanntes Laibl, mittags, mit Ausnahme der Freitage, täglich eingekochte Fleischsuppe, 110 Gramm Ochsenfleisch, Gemüse und 85 Gramm Roggenbrot, nachmittags 4 Uhr Vesperbrot, im Sommer und Herbst mehrmals hierzu Obst, abends wöchentlich dreimal Milchspeise, viermal Brotsuppe mit kaltem Fleischwarenaufschnitt, Kartoffeln oder Würsten mit Brot. Die Kosten hierfür betrugen per Kopf und Tag 45 Pfennige.
Für die Leibesübungen bot der sehr geräumige und herrlich angelegte Anstaltsgarten mit seinen zwei gedeckten Spielhallen und verschiedenen Turngeräten hinreichende und willkommene Gelegenheit zur Veranstaltung von Jugend- und Turnspielen. Außerdem fanden an allen Sonn- und Feiertagen, teils um die Umgebung Münchens kennen zu lernen, teils um den Körper zu stählen und zu kräftigen, ausgedehnte Spaziergänge in die benachbarten Orte, Anlagen und Wälder statt.
Zur Pflege der Reinlichkeit nahmen die Zöglinge während der kälteren Jahreszeit alle 3 Wochen ein warmes Wannenbad, im Sommer besuchten die Knaben das städtische Freibad so oft Zeit und Witterung es nur immer gestatteten."
Der Bericht endet mit folgenden Worten:
"Es kann dieser erste Jahresbericht des städtischen Kinderasyls nicht würdiger geschlossen werden, als dankerfüllten Herzens all derjenigen zu gedenken, welche zum Gelingen des Ganzen durch namhafte Zuwendungen, durch Wohlwollen und opferfreudiges Entgegenkommen so tätigen Anteil genommen.
Dieser Dank gilt vor allem und in hervorragendem Maße der Vertretung der Stadt München, welche keine Opfer gescheut hat, armen und verlassenen Kindern ein sorgenfreies Heim zu schaffen, die aber auch jetzt nach Errichtung dieser Stätte der Charitas fortgesetzt ihre werkthätige Liebe derselben zuwendet. Tausendfacher Dank auch den edlen Gönnern und Wohlthätern, der Presse und allen, welche dem Asyle ihre Sympathien geschenkt und dadurch direkt oder indirekt zum Blühen und Gedeihen der Anstalt beigetragen haben. "
Im Jahre 1896 errichtete die Stadtgemeinde München in dem aus Mitteln des Oskar Walther'schen Kinderunterstützungsfonds erworbenen früheren Real-Institutsgebäude in Weyarn, Bezirksamt Miesbach, eine Kindererziehungsanstalt als Außenstelle des städt. Kinderasyls an der Hochstraße 8 in München. In ihr fanden 100 Kinder Platz. Vorzugsweise wurden die Kinder aus München, bzw. aus dem städt. Kinderasyl, eingewiesen, deren Gesundheitszustand einen Aufenthalt in einer auf dem Land gelegenen Anstalt besonders erwünscht erscheinen ließ. Diese ,Außenstelle' des Kinderasyls bestand bis zum Jahre 1932, dann wurde sie wegen angeblicher Unrentabilität aufgelöst.
Mit der Zeit kristallisierten sich auch im Kinderasyl gewisse pädagogische Schwerpunkte heraus. Große Aufmerksamkeit wurde zwar weiterhin dem religiös-sittlichen Leben der Zöglinge geschenkt, und das Erziehungspersonal war nach wie vor bestrebt, den Zöglingen Gehorsam, Anstand, Ordnung, Dankbarkeit, gewissenhafte Pflichterfüllung und Reinlichkeit anzuerziehen - doch auch Schule und Freizeit, sowie Elternarbeit und Nachbetreuung gewannen zunehmend an Bedeutung.
Im Jahresbericht des Jahres 1908, der im September erschien, lesen wir dazu Folgendes:
"Das Benehmen der Kinder in der Schule gab niemals zu einer Klage Anlaß und bekamen sämtliche Zöglinge die Betragensnote 7. Auch im Hause befleißigten sich die Zöglinge einer guten Führung und kamen in diesem Berichtsjahre ernstere Überschreitungen der Hausordnung nicht vor. (.. .)
Um mit den Eltern, Vormündern und Anverwandten der Zöglinge in steter Fühlung zu bleiben, fand jeden ersten Sonntag im Monat ein Besuch derselben in der Anstalt statt, wo den Erzieherinnen Gelegenheit geboten wurde, sich nach Notwendigkeit mit denselben auszusprechen oder auch umgekehrt Wünsche entgegenzunehmen.
Der Verwaltung gereicht es zur Freude und Befriedigung, feststellen zu können, daß die meisten Angehörigen mit herzlicher Dankbarkeit all des Guten erwähnten, das die Anstalt ihren Kindern bietet und rührend war so manche Dankesbezeugung seitens eines schwerbedrückten Mütterleins für die vielen Wohltaten, die sein Kind im Asyle genießt. (...)
Um die Beziehungen zwischen der Anstalt und den ins Leben übergetretenen Zöglingen möglichst aufrecht zu erhalten und den guten Einfluß auf die jungen, heranwachsenden Leute auch noch nach dem Austritte ausüben zu können und sie vor verschiedenen sozialen Gefahren zu schützen, hat die Verwaltung sowohl für Lehrlinge, wie auch für die Dienstmädchen Sonntagsunterhaltungsnachmittage eingeführt, an denen die Zöglinge ihren freien Nachmittag mit Lektüre, Spiel und ungezwungener Unterhaltung verbrachten.
Diese Einrichtung hat sich auch im verflossenen Berichtsjahre wieder vortrefflich bewährt, und sind zu diesen Veranstaltungen besonders die Lehrlinge und selbst die erwachsenen männlichen Zöglinge fast jedes Mal vollzählig erschienen. Die Mädchenbesuche waren nicht so zahlreich, weil die Ausgangsordnung derselben seitens der Dienstherrschaft oft Verschiebungen erleidet, und dann ein Kommen der Mädchen nicht möglich war.
Auch zu den üblichen, alljährlich wiederkehrenden Anstaltsfeiern wurden die ausgetretenen Zöglinge geladen und erhielten größere Sittenpreise in Form von Spareinlagen oder Kleidungs- und Wäschestücken. (...)
Während die Mädchen in allen häuslichen Arbeiten unterwiesen wurden, wozu auch die praktischen Näharbeiten gehören, erhielten die Knabenzöglinge Unterweisung im Handfertigkeitsunterrichte und zwar in ihrer schulfreien Zeit. Dieser Unterricht erstreckte sich auf Bast- und Strohflechten, Kerbschnitt, Brandmalereien, Modellierarbeiten, Malen auf Papier, Porzellan, Holz, Leder und vor allem auch Zeichnen nach der Natur. (...)
 Außerdem erhielten verschiedene Mitschüler Unterricht in Klavier, Violine und Harmonium, um sich die nötigen musikalischen Kenntnisse für ihren späteren Beruf anzueignen. Sämtliche Zöglinge vom 9. Jahre an bekamen Gesangsunterricht in wöchentlich 4 Stunden, um bei den Anstaltsfeierlichkeiten den gesanglichen Teil durchführen zu können. (...)
Um die Eintönigkeit, die jedem Anstaltsbetriebe im gewissen Sinne anhaftet, zu unterbrechen und von dem Grundsätze ausgehend, daß auf ernste Arbeit auch frohe Stunden folgen sollen, wurde jede Gelegenheit in der Anstalt wahrgenommen, den Zöglingen durch Veranstaltung kleiner Feste vergnügte Stunden zu bereiten und so das Band der Liebe und der Familienzusammengehörigkeit, welches Erzieher und Kinder verbinden soll, noch enger zu schließen. (. . .)
Bei Gelegenheit des Namensfestes des Herrn Verwaltungsrates, des Verwalters und seiner Frau hatten die Kinder erwünschten Anlass ihre Dankbarkeit, Liebe und Anhänglichkeit durch Wort und Lied, wie im Familienkreis üblich, auszudrücken. "
Im Laufe der folgenden Jahre wurden im Kinderasyl verschiedene bauliche Veränderungen und Einbauten vorgenommen.
Im Jahre 1898 wurde eine Klosettspülung neu eingerichtet, im Sommer 1911 das Dach des Hauptgebäudes neu gedeckt und die Fassaden mit einem wetterfesten Putz versehen. Ein Jahr später wurde ein geräumiges Brausebad im Keller eingebaut. Im Jahre 1913 wurden die 8 Schlafsäle mit elektrischer Beleuchtung ausgestattet sowie die Gasbeleuchtung in den übrigen Räumen des Hauses modernisiert. Die Öfen der 4 Beschäftigungssäle und die 2 Öfen des Speisesaals wurden neu gesetzt und mit großen Dauerbrandkästen versehen, wodurch die Beheizungs- und Wärmeverhältnisse des Hauses ganz wesentlich verbessert wurden.
Im Jahre 1917, während des 1. Weltkrieges, feierte das städtische Kinderasyl an der Hochstraße sein 25jähriges Bestehen.
Im Jahresbericht, der anlässlich dieses Jubiläums im August 1917 erschien, lesen wir dazu Folgendes:
"25 Jahre sind inzwischen dahin gegangen und im 3. Jahre eines fürchterlichen Ringens, wie es die Welt schrecklicher noch nicht erlebt, eines Kampfes, der ganz. Europa in seinen Fugen erschüttert und der das deutsche Volk auf die härteste Kraftprobe stellt, es aber unerschüttert von einer Welt von neidischen Feinden noch aufrecht stehend findet, begehen wir heute in unserem Kriegerwaisenheime ein schlichtes Jubelfest, angepaßt dem Ernste der Zeit, in der wir leben. Ein Fest des innigen Dankes soll es sein gegen all diejenigen, welche dieses Haus gründen halfen und für die hochverehrten Stadtväter und edlen Gönner, welche in nimmermüder Fürsorge große Opfer brachten für unsere Waisen. Eine stattliche Zahl von Kindern hat die Anstalt im Laufe der 25 Jahre schon beherbergt und herangezogen, darunter auch viele Veteranenwaisen; schon wollte es scheinen, als ob dieselben zu Ende gingen, da unserem geliebten deutschen Vaterlande ein zu langer segensvoller Frieden beschieden war.
Da brannte im August des Jahres 1914 plötzlich die fürchterliche Kriegsfackel über Deutschlands Osten und Westen lichterloh auf, angefacht von den ergrimmten Feinden, welche unser schönes, großes, stark und einig gewordenes Deutschland vernichten wollten. Doch, "viel Feinde, viel Ehr" - der inhaltsschwere Spruch unseres geliebten Königs - er hat sich bewahrheitet. Ungebrochen steht deutsche Einigkeit und Macht, gestählt durch deutsche Treue und verbunden mit kraftvollen treuen Freunden vor der Unzahl seiner Feinde siegreich da und nicht umsonst ist das kostbare Heldenblut tausender unserer Heldensöhne geflossen. Die Schwelle des 4. Kriegsjahres bereits überschritten, darf wohl die Hoffnung im Herzen des deutschen Volkes erweckt werden, daß ein baldiger und glücklicher Ausgang des menschenmordenden Kampfes für unsere gerechte Sache endlich den heißersehnten Frieden unserem geliebten Vaterlande bringen wird.
Was kann uns alle aber dann mehr beglücken und im tiefsten Innern befriedigen, als die stete Fürsorge für die Tapferen draußen im Felde und nicht minder für die Hinterbliebenen derer, die im erbitterten Kampfe fürs Vaterland ihr Leben ließen.
So wird unser liebes, schönes Kinderasyl wohl wieder auf viele Jahre hinaus seiner eigentlichen Bestimmung zugeführt, nämlich der, dass es den verlassenen Kriegerwaisen ein trautes Heim werde, eine Stätte geistiger und körperlicher Pflege.
So wird unseren Kriegerwitwen, welche ihr Bestes dem Vaterlande geopfert haben, die schwerste Sorge vom Herren genommen - die Sorge für die vaterlosen Kinder. Das ist aber auch der schönste und beste Dank, den die Stadt München ihren gefallenen Heldensöhnen abstatten kann.
Beim Rückblicke auf die verflossenen 25 Jahre kann mit großer Genugtuung festgestellt werden, daß der weitaus größte Teil unserer Zöglinge tüchtige und brauchbare Glieder der menschlichen Gesellschaft geworden sind. Verschiedene derselben verdanken unserer Anstalt ihre jetzige Lebensstellung und alle ihr auskömmliches Fortkommen. Hunderte von Briefen unserer Zöglinge, von der Front aus an uns gesandt, bekunden so recht, mit welcher Dankbarkeit und Liebe dieselben an ihren ehemaligen Erziehern hängen und wie sehr sie die im Hause genossene Ausbildung und weitere Unterstützung zur Erreichung einer besseren Lebensstellung zu schätzen wissen. Außer den schönen Stellungen, welche verschiedene Zöglinge in gewerblichen Betrieben einnehmen, haben sich andere durch emsiges Studium zu geachteten Besamtenposten emporgearbeitet und sind der Stolz und die Freude der Anstalt. Freilich hat der schreckliche Krieg schon schwere Lücken in die Reihe dieser wackeren Zöglinge gerissen und so manchen in der Vollkraft des Schaffens aus seinem verantwortungsvollen Posten hinweggerafft.
Auch mit den Mädchenzöglingen hat die Verwaltung des Kinderasyls in der langen Reihe der Jahre viel Freude erlebt. Während die einen als treue Helferinnen der Hausfrau lange Jahre hindurch die feste Stütze der Familie sind, haben sich andere in gewerblichen und kaufmännischen Betrieben schöne Lebensstellungen errungen, so daß die mitunter recht schwere Erziehungsarbeit reiche Früchte getragen hat.
Wenn der eine oder andere Zögling - es sind deren nur wenige - uns draußen im Leben enttäuscht hat, so wird uns das fernhin nicht hindern, mit gleicher Freude am Erziehungswerke weiterzuarbeiten, so lange es unsere Kräfte erlauben; es soll nach wie vor unser ernstes Bestreben bleiben, die uns anvertrauten Zöglinge zu braven, tüchtigen und fleißigen Menschen heranzubilden, die den schweren Existenzkampf, der beim Verlassen unseres Hauses an sie herantritt, aufnehmen und bestehen können. (...)
Von dem Gedanken geleitet, dass die Erziehung der uns anvertrauten Kinder bei deren Austritt aus der Anstalt nicht abgeschlossen sein darf, setzte die Verwaltung die Fürsorge derselben auch dann noch fort, indem sie in steter Fühlung mit ihnen blieb durch Einführung der Sonntagsbesuche im Hause. Sowohl die Lehrlinge als auch die Dienstmädchen kommen gerne in ihr ihnen liebgewordenes Heim zurück und holen sich Rat, wenn das Leben oft recht hart an sie herantritt.
Den Lehrlingen wurden reichliche Verpflegungsunterstützungen und Kleiderbeiträge gewährt und außerdem erhielten sie noch, wie auch die ausgetretenen Mädchen, als Lohn für ihre gute Führung und Tüchtigkeit, angemessene Beträge in das Sparbuch einbezahlt. Diese gesammelten Sparpfennige und die großen Aussteuerpreise halfen schon gar vielen Mädchen ihren Herd und ihr Familienglück gründen.
Als am 1. August 1914 unser geliebter Kaiser seine deutschen wehrpflichtigen Männer zu den Fahnen rief, um den uns aufgedrungenen Kampf für Deutschlands Ehre und Bestehen gegen den mächtigen Feind aufzunehmen, da zog auch einer nach dem anderen unserer braven Zöglinge, die heimatliche Arbeitsstätte und so mancher auch Frau und Kind verlassend, dem Feinde entgegen, das geliebte Vaterland und den heimatlichen Herd zu schützen. Nahezu 200 ehemalige Zöglinge des Städtischen Kinderasyls stehen unter den Waffen - vom schlichten Soldaten bis zum Leutnant - jeder bereit sein Bestes fürs Vaterland zu opfern."
Der Beginn des ,Dritten Reiches' und der damit verbundene Einfluss des Nationalsozialismus auf die Einrichtungen der öffentlichen Erziehung, machte auch vor dem Kinderasyl nicht Halt.
Dies kommt im Verwaltungsbericht 1933/34 folgendermaßen zum Ausdruck:
"Als Einrichtung nationalsozialistischer Gemeinschaftserziehung sucht die Anstalt die Familienerziehung nach Möglichkeit zu ersetzen und die Kinder zu Menschen heranzubilden, die religiös, sittlich, deutsch und sozial empfinden, denken und handeln und sich der deutschen Volksgemeinschaft verbunden und verpflichtet fühlen. (. ..)
Im Benehmen mit der Oberführung der ,Hitlerjugend' wurde im Stadt. Kinderasyl im Oktober 1933 ein Jungvolkzug aus allen Knaben von der 5. Klasse aufwärts gebildet, der dem Jungoberbannführer direkt unterstellt war und von den Kameradschaftsführern unter Anleitung und loser Oberleitung des Direktors der Anstalt geführt wurde. Mit dem Stammführer, dem Unterbannführer und dem Fähnleinsführer wurde in sehr gutem persönlichen Einvernehmen gearbeitet. Die Jungen dienten mit Begeisterung und Hingabe der Bewegung. Die Organisation der Jungmädel wurde vorbereitet. (...)
Die großen politischen Ereignisse der Machtergreifung waren für die Kinder des Stadt. Kinderasyls mit tiefstem inneren Erleben verbunden. Ihre Begeisterung über die Berufung des Führers und den Anbruch des dritten Reiches fand schon in der Schlußfeier des Schuljahres 1933 durch das Spiel "Hinaus ins Leben" und dem Chor "Frühlingsgruß an das Vaterland" erhebenden Ausdruck.
An allen großen Ereignissen jener Tage nahmen die Kinder tätigen Anteil, so besonders am Tag von Potsdam, an der Feier des 1. Mai 1933, an der Feier des 9. November 1933 bei welcher Gelegenheit es allen Kindern gegönnt war (...) auf bevorzugten Plätzen den Führer in ummittelbarer Nähe zu sehen und ihm zuzujubeln. Alle Erlebnisse aus der großen Zeit der Erhebung des deutschen Volkes werden den Kindern unauslöschlich im Herzen bleiben und ihr ganzes Leben den fruchtbaren Boden bilden treuer Hingabe an den Führer und an die Forderungen des Nationalsozialismus.
Bei der Schlußfeier des Schuljahres 1933/34 brachten die Kinder das im nationalsozialistischen Denken geschaffene Spiel ,Deutschland erwache' (...) mit Gesängen in Anwesenheit (...) vieler Festgäste zur wirkungsvollen Darstellung."
Im Verwaltungsbericht 1934/1935 lesen wir unter den "besonderen Ereignisse" Folgendes:
"Das wichtigste Ereignis des Jahres war die durch Verfügung des Oberbürgermeisters der Hauptstadt der Bewegung vom 1. Juli 1934 durchgeführte Unterstellung unter das Schulreferat, wodurch der Zusammenschluß mit dem gesamten Erziehungswesen der Stadt in sehr begrüßenswerter Weise vollzogen ist. (...)
In den Sommerferien 1934 bezogen die Kinder zum erstenmal das Ferienlager auf dem städt. Gut Karlshof. Im Wechsel von je 3 Wochen verlebten dort alle Knaben und Mädchen, die nicht zu Angehörigen aufs Land kommen konnten, glückliche Tage. Das ungezwungene Lagerleben in engster Berührung mit den Erziehern, die Gelegenheit zur Naturbeobachtung, der Umgang mit der Landwirtschaft, die reichliche Bewegung in Wald und Flur, spannende Geländespiele, das Schwimmen im Gutsteich, die Einwirkungen von Luft und Sonne und die kräftige Lagerkost, brachten nicht bloß körperliche Stärkung und Erholung, sondern auch einen großen erziehlichen Gewinn, Steigerung und Festigung des Vertrauens zu den Erziehern und Bereicherung der Erfahrung und des Wissens auf einem den Kindern bisher wenig bekannten Gebiet."
Über die Organisationsstruktur des Kinderasyls, die Erziehungsschwerpunkte und den Erziehungsalltag in der Anstalt gibt uns der Verwaltungsbericht von 1938/1939 Auskunft:
"Sie ist bestimmt zur Erziehung von Kindern, die ihre Eltern verloren haben oder aus irgend einem Grunde nicht bei ihren Eltern sein können. Aufgenommen werden in erster Linie schulpflichtige Kinder im Alter von 6 bis 14Jahren, aber in angemessener Zahl und nach Maßgabe der freien Plätze auch Schüler höherer Lehranstalten und Mädchen, die sich dem hauswirtschaftlichen Berufe zuwenden wollen und in der Anstalt selbst erzogen wurden. Zur Verfügung stehen 153 Plätze, 78 für Knaben, 75 für Mädchen. Die Aufnahme erfolgt ohne Unterschied des Bekenntnisses. Vorausgesetzt wird arische Abstammung, Erbgesundheit, normale Bildungs- und Erziehungsfähigkeit. Schwachsinnige und Schwachbegabte, die für den Bildungsgang in der Normalschule nicht geeignet sind, schwererziehbare, sittlich verdorbene, erblich belastete oder mit ansteckenden Krankheiten behaftete Kinder werden nicht aufgenommen. (...)
Die Anstalt gliedert sich in 2 Mädchen- und 2 Knabenabteilungen, die nach Altersstufen getrennt sind. Jede Abteilung wird von einer Erzieherin geführt, die als Hortnerin, Kindergärtnerin oder Handarbeitslehrerin vorgebildet und geprüft sein muß. Eine 5. Erzieherin vertritt die Abteilungsleiterinnen an den dienstfreien Tagen.
Die Führung der großen Knabenabteilung teilt sich der Direktor mit der betreffenden Erzieherin, die dafür ihrerseits als ständige Vertretung für den Direktor bestimmt ist und diesen in der Führung der Verwaltungsarbeit direkt unterstützt. Einen Teil der schriftlichen Verwaltungsarbeiten erledigen auch die übrigen Erzieherinnen. Jeder Abteilung ist eine ungeprüfte Kinderpflegerin für die pfleglichen Arbeiten, zur Schlafsaalreinigung, besonders auch für die Kleideranfertigung und -instandhaltung zugeteilt. In beschränktem Maße werden die Pflegerinnen auch zur Aufsicht als Helferin der Erzieherinnen herangezogen.
Einer Pflegerin obliegt der pflegliche Dienst der Krankenstation. Den Küchendienst versieht eine Köchin mit zwei Gehilfinnen. Für die Zureichungsarbeiten in der Küche, das Spülen des Geschirrs und besonders für die sehr umfangreichen Hausreinigungsarbeiten stehen 5 Hausgehilfinnen und eine Aufwarterin zur Verfügung. In der eigenen Wäscherei wird von einer Maschinenwäscherin und einer Wäscherin die gesamte Wäsche gereinigt und gebügelt.
Alles Gemüse, mit Ausnahme der Kartoffeln und des zum einlegen bestimmten Sauerkrautes, sowie die notwendige Milch werden in einem Eigengartenbetrieb unter einem beamteten Obergärtner und zwei Gehilfen und in einer Milchwirtschaft von einem Melker gewonnen. Mit der Milchwirtschaft, für die 9 Kühe benötigt sind, ist auch die Schweinehaltung (4 Schweine) verbunden. Das notwendige Futter wird soweit möglich durch Resteverwertung bereit gestellt. Der Eigengartenbetrieb und die Milchwirtschaft bieten wichtige Vorteile zur Verbesserung der Verköstigung der Kinder.
Alle Gefolgschaftsmitglieder mit Ausnahme der beiden Wäscherinnen wohnen im Hause und werden im Hause voll verköstigt. Die Kinder werden nach dem Grad ihrer Leistungsfähigkeit zu häuslichen Arbeiten herangezogen. Einige schulentlassene Mädchen werden in der Hauswirtschaft ausgebildet. (...)
Die gesamte Arbeit, die im Laufe des Jahres geleistet wird, steht im Dienste des Kindes. Die Sorge und die Bemühungen um die geistige und körperliche Entwicklung der anvertrauten Kinder ist ein zusammenhängendes Werk, das wohl in der Betrachtung aber nicht in der praktischen Arbeitsweise getrennt werden kann.
Der körperlichen Entwicklung dient vor allem eine abwechslungsreiche, ausreichende und wohlschmeckende Kost. Die Mittel, die der Anstalt für die Verköstigung der Kinder zur Verfügung gestellt werden, reichen bei sorgfältiger Sparsamkeit, Geschick, Erfahrung, unablässigem Fleiß und gründlicher Überlegung aus, diese Anforderungen zu erfüllen.
Der Durchschnittspreis der Verköstigung pro Tag und Kind beträgt ca. 75 Reichspfennige. Es ließe sich bei einer Erhöhung der Mittel die Kinderkost wohl noch in mancher Hinsicht verbessern, doch besteht gegenwärtig keine Möglichkeit in Hinblick auf die Gesamtkosten des Anstaltsbetriebes einen diesbezüglichen Antrag zu stellen. Eine erfreuliche Bereicherung der Verpflegung schafft der eigene Gartenbetrieb und die eigene Milchwirtschaft, insbesondere durch die frühzeitige Versorgung mit Frischgemüse bester Qualität, das unmittelbar aus dem Garten in die Küche kommt, und durch die hochwertige, gleichmäßig gute Milch.
Außerdem ist für die körperliche Entwicklung die Pflege der Kinder von grundlegender Bedeutung. Sie werden mit unermüdlicher Konsequenz zur Reinlichkeit an sich selbst angehalten. (Regelmäßige Zahnpflege, Überwachung bei der Morgenwäsche, Sauberkeit an den Händen nach dem Spiel, Arbeit und Sport und vor den Mahlzeiten, Hand- und Fußpflege, regelmäßiger Haarschnitt und Beachtung der Frisur, Reinigungsbäder alle Samstage.) Das Ziel ist, im Laufe der Jahre den jungen Menschen daran zu gewöhnen auf sein Äußeres zu achten und dieses auch bei Arbeit und Sport zu pflegen, wie es der Selbstachtung eines gesitteten Menschen entspricht ohne Auffallen zu erregen. Die Reinlichkeitspflege steht also im Dienst der Gesundheitspflege und der Erziehung.
Die Kleidung, die Leib- und Bettwäsche der Kinder, die unter Anleitung der Frau des Direktors von den Pflegerinnen und Erzieherinnen im Hause mit wenigen Ausnahmen selbst angefertigt wird, entspricht einem guten Zeitgeschmack. Von der farbigen Bettwäsche konnte im Laufe einiger Jahre auf weiße Bettwäsche übergegangen werden, die das Gesamtniveau hebt und sich gut bewährt.
Die Kleidung ist nicht mehr so streng einheitlich wie früher. Soweit nicht alte Bestände aufgebraucht werden müssen, ist eine gewisse Buntheit bei den Mädchen und Abwechslung bei den Knaben, letztere auch manchmal durch kombinieren von Rock und Hose verschiedener ,Garnituren' alter einheitlicher Bestände schon erreicht, was von den Kindern als eine Befreiung von der ,Anstaltsuniformierung' dankbar empfunden wird und das kindliche Gemüt befreien und aufschließen hilft, den Geschmack hebt, der Erziehung also dienen kann. An der Reinigung und Ausbesserung der Kleider werden die Mädchen, in gewissen Grenzen auch die Knaben selbst beteiligt.
Auf die körperliche Erziehung im engeren Sinne, das ist die aktive Beeinflussung der körperlichen Entwicklung durch die körperliche Ertüchtigung, legt die Anstalt großen Wert. In diesem Punkte ist gegen früher eine Umstellung notwendig geworden, weil heute sowohl seitens der Schule als seitens der ,Hitlerjugend' durch Sport, Wandern usw. ausreichend körperliche Übungen getrieben werden, so daß mit einer planmäßigen Gestaltung und regelmäßigen Ausübung derselben Zurückhaltung geübt werden muß, schon um Überanstrengungen besonders einzelner sportlich übereifriger Kinder zu vermeiden. Den Kindern ist daher täglich nach Schluß der Schule eine gewisse Zeit zur zwanglosen Bewegung, eine sogenannte Freistunde eingeräumt, die grundsätzlich auch bei schlechtem Wetter im Freien verbracht wird.
In der übrigen Zeit, die für den Aufenthalt im Freien zur Verfügung steht, wird bei den größeren Kindern, besonders bei den Knaben, die vor der Schulentlassung stehen, die Arbeitseinstellung nach Kräften zu bilden versucht durch Arbeitsaufträge körperlicher Art, mit Schaufel, Spaten, Rechen und Karren im Garten, im Hof oder wo sich sonst Gelegenheit bietet oder wo sie sich erfinden läßt. Auch andere körperliche Arbeiten werden gesucht und nach Maßgabe der Kräfte an die Kinder der verschiedenen Altersstufen verteilt.
Die Mädchen lassen sich naturgemäß mehr als Hilfe für häusliche Arbeiten verwenden, die Knaben mehr zu Garten- und Hofarbeiten. Hervorzuheben ist, dass dieselben nur verhältnismäßig kurze Zeit beanspruchen sollen, um genügend Zeit für die freie Bewegung zu lassen und daß sie der körperlichen Kräftigung dienen müssen, darum fast ausschließlich im Freien geleistet werden.
Die mittleren Altersstufen werden angehalten ihre kleinen Kindergärtchen zu pflegen. Es scheinen all diese Arten der körperlichen Betätigung für das Großstadtkind überhaupt, in ganz besonderem Maßstab aber für das Anstaltskind, unentbehrlich zu sein. Die Kinder verlangen selbst danach. Es fehlt nicht an der Arbeitsfreude, sondern meist an den für die Vielzahl notwendigen Arbeitsgelegenheiten.
Übermäßiger Sport wird zum Sporteln, zur widerlichen Spielerei mit einer an sich ernsten Sache. Solchen Kindern fällt es außergewöhnlich schwer, auch nur eine Stunde bei einer ruhigen gleichmäßigen Arbeit auszuhalten. Sie wollen alle Minuten etwas anderes beginnen und nichts vollenden. Die Arbeitstreue ist aber eine der wichtigsten Eigenschaften im Leben der Volksgemeinschaft. Die körperliche Ertüchtigung steht somit in engem Zusammenhang mit der Bildung des Willens. Außer der körperlichen Arbeit und der täglichen Freistunde bleibt noch Zeit, um die Abteilungen oder Spielgruppen zu geschlossenen Spielen zusammenzufassen und turnerische und sportliche Übungen durchzuführen.
In den Ferien wird vor allem auf den Schwimmunterricht der planmäßig erteilt wird, geachtet. Knaben und Mädchen von der 6. Klasse an sind vollzählig Freischwimmer, während die Volksschule erst von der 7. Klasse an mit dem Schwimmunterricht beginnt. Die höheren Klassen beherrschen außer dem Brustschwimmen noch andere Schwimmarten mit gesteigerten Anforderungen.
 Der Ferienaufenthalt in Karlshof kommt dem Schwimmunterricht ganz besonders zu statten. Die Schwimmleistungen sind auch nach der beim Abschwimmen erzielten Zeiten im Schnell- und Dauerschwimmen als hervorragend zu werten. Außerdem besitzen die Kinder hinsichtlich ihrer sportlichen Leistungen in allen Schulen und beim Jungvolk einen guten Ruf. Die Bildung des Geistes und die Entwicklung des Charakters, die wie bereits betont mit der körperlichen Erziehung in Wechselwirkung steht, ist die Krone der Erziehungsarbeit. (.. .)
Da der Unterricht in den Händen der Schule liegt, kann die Anstalt nur auf Teilgebieten Unterrichtsarbeit leisten und zwar Handarbeitsunterricht bei den Mädchen durch die Erzieherinnen, Handfertigungsunterricht (Flechten und Bastarbeit) bei den Knaben durch die Erzieherinnen, Gesangsunterricht durch den Direktor. (...)
An dieser Unterrichtsarbeit wird aber grundsätzlich festgehalten, weil die Erzieher durch den Unterricht, auch wenn dieser sich nur auf ein Teilgebiet erstreckt, am besten Einblick in die seelische Entwicklung der Kinder bekommen. Außerdem fällt der Anstalt durch die Förderung und Unterstützung der Schularbeit ein wichtiges Aufgabenfeld zu. Die tägliche Überwachung der Schulhausarbeiten, die dauernde Beeinflussung und Unterweisung schwach begabter, geistig träger, an der Schularbeit wenig interessierter Kinder ist ein schwieriges und oft wenig erfreuliches Arbeitsfeld. Doch machen wir die erfreuliche Beobachtung, daß diese unermüdliche Arbeit durch Steigerung der Schulleistungen bei der weit überwiegenden Zahl der Kinder belohnt wird. Die Schulleistung ist aber ein wichtiger Gradmesser für den Erfolg der Erziehungsarbeit überhaupt. Um den Erfolg dieses Arbeitsgebietes sicher zu stellen und zu steigern, hält die Anstalt enge persönliche Fühlung mit den Schulleitungen und den Lehrern besonders der Volksschulen.
Von großer Bedeutung sind im Anstaltsleben außerdem die gelegentlichen Belehrungen und die Anleitung zu Beobachtungen auf den verschiedensten Gebieten. Solche Beobachtungen ergeben sich in Haus und Hof sowie in der Stadt. Sie führen in die Geschichte der Vaterstadt, berühren mit der Kunst und dem werktätigen Leben und weisen den Weg in die Natur. Durch die Zueignung des Ferienlandheimes in Karlshof ist das Anstaltsleben der Kinder besonders in letzterer Hinsicht in der glücklichsten Weise bereichert worden. Die Kinder fahren seit 1934 in den Osterferien, an Pfingsten und in den großen Ferien regelmäßig längere Zeit in das Landheim und lernen dort im täglichen Umgang, auf Wanderungen in die nahe und ferne Umgebung, durch eigene Beobachtung, durch Umgang mit Menschen und Tieren, durch Beihilfe bei den landwirtschaftlichen Arbeiten ein Stück Heimat gründlich kennen und verfügen darum nicht bloß über viele Kenntnisse, die anderen Großstadtkindern in diesem Maße nicht vermittelt werden können, sondern lernen vor allem die Arbeit des Bauern achten. Manches Geheimnis der Tier- und Vogelwelt wird ihnen erschlossen. Abgesehen von der Belebung und Befreiung der ganzen Anstaltsarbeit, abgesehen vom Gewinn für die Gesundheit und Kräftigung der Kinder, hat darum unser Ferienlandheim in Karlshof für den Bildungsgedanken größten Wert. (...)
 Nahezu alle Kinder sind durch Tod der Eltern, durch Zerfall der Familie oder Vernachlässigung der Erziehung, durch die Unmöglichkeit bei der unverheirateten Mutter zu wohnen in ihrem Gemüt und in ihrem Charakter geschädigt. Auch die unbeschwerte Kindesnatur braucht eine gewisse Zeit, bis sie über die Schicksalsschläge des Lebens, die meist viel trauriger empfunden werden als die Erwachsenen annehmen, hinweg kommt und ruhig und aufnahmebereit wird. Das außereheliche Kleinkind lernt selten die aufopfernde Mutterliebe kennen. Es fehlt im meist der auf Liebe begründete seelische Zusammenhang mit einem besorgten Menschen. Man beobachtet daher, daß sein Gemüt verhärtet und schwer zugänglich ist.
Der Wechsel der Pflegestellen, der leider bei vielen Kindern wiederholt durchgeführt werden mußte und das häufig beobachtete Mißtrauen der leiblichen Mutter zur Pflegemutter schaden dem Gemüt des Kindes stark. Der Anstalt fällt die schwere Aufgabe zu, das Vertrauen all dieser Kinder zu gewinnen, denn ohne dieses Vertrauen fehlt die Bereitschaft des Kindes an seiner Erziehung selbst mitzuarbeiten, etwas anzunehmen, sich etwas sagen zu lassen. Aus Unkenntnis der Anstaltsarbeit, aus Einsichts- und Gedankenlosigkeit wurde oft von außen her, schon vor der Einweisung, das Kind in eine Furchteinstellung versetzt, aus der ein schwer zu bekämpfendes Mißtrauen entspringt.
Auch die Herabwürdigung und Geringschätzung der Anstaltsarbeit spielt dabei eine bedauerliche Rolle. Dazu kommt, daß die Umstellung auf das geordnete Anstaltsleben vielen Kindern, besonders jenen, die bisher in ungestörter Freiheit auf der Gasse bleiben ohne Notwendigkeit zu gehorchen oder sich einzuordnen, aber auch verwöhnten und verzärtelten Kindern, sehr schwerfällt. Die Erziehung in der Anstalt soll darum auf Liebe zu den Kindern beruhen. Damit ist nicht gemeint, daß die Kinder verwöhnt oder gar verhätschelt werden sollen. Gemeint ist vielmehr die Übertönung aller Erziehungsmaßnahmen, besonders der leider unvermeidlichen Strafe durch eine echte Liebe zum Kinde. Diese Einstellung gibt der Erziehungsarbeit den eigentlichen Wert. Sie schützt den Erzieher vor Ungerechtigkeit, Launenhaftigkeit, Ungeduld oder Mutlosigkeit und befähigt das Kind dem Erzieher Zuneigung und Vertrauen entgegenzubringen. Der Umgang zwischen Erziehern und Kindern soll darum möglichst zwanglos sein. Die notwendige Autorität ergibt sich aus dem inneren Wert des Erziehers.
Die Kinder sind auch gern bereit, den Menschen, die für sie hingebungsvoll arbeiten, Wertschätzung zu erweisen. Außerdem bleibt noch reichlich Gelegenheit, durch Zusammenfassung und Einordnung für Schulung des Gehorsams zu sorgen. Die Anforderungen, die an das Verhalten und an die Umgangsformen der Kinder gestellt werden, richten sich nach den Anforderungen des Lebens. Die Kinder dürfen nicht das Gefühl haben, daß sie für die Anstalt strenger als andere Kinder erzogen werden sollen. Sie sollen überhaupt von dem Gefühl befreit werden, daß sie in einer besonderen, etwa gar bedauernswerten oder Mitleid erweckenden Lage wären, sie müssen vielmehr in dem gesunden Selbstbewußtsein erzogen werden, dass sie in einer glücklichen Lebenslage aus eigener Kraft ihren Beruf, ihr Leben frei und gestützt auf die starke Hilfe ihrer Vaterstadt und die unendliche Kraft des stolzen, von dem Führer neu geschaffenen Deutschland, selbst zimmern können.
Der Freude und Heiterkeit gebührt daher neben der ernsten Arbeit ein wichtiger Platz im Tageslauf. Die familiäre Gestaltung des Anstaltslebens, ermöglicht durch die glückliche, familiäre Organisation der Anstalt, erhält aus diesen wichtigen Gesichtspunkten große Bedeutung. So kann und muß schließlich das Heimatgefühl der Kinder zur Anstalt im Anstaltsfamilienkreis, geweckt werden können. Im Dienste dieses Gedankens steht auch die eingangs erwähnte Arbeitserziehung. Die Kinder sollen angehalten werden, ihre Arbeitskraft in den Dienst ihrer Anstaltsheimat zu stellen.
Mit Befriedigung glauben wir feststellen zu können, daß unsere Arbeit ihren Zweck erfüllt und von Erfolg gekrönt ist. Wir sehen es an den Kindern, die frei und ungezwungen sich bewegen, gewandt und geschickt ihren Verpflichtungen nachkommen, besonders aber in der Bewährung im Leben nach der Entlassung aus der Anstalt. Ebenso erfreulich ist die Beobachtung, daß die Ausgetretenen gerne durch Besuche oder durch Briefwechsel die Verbindung zu ihrer Anstaltsheimat aufrecht halten."
 Um die Kinder dem Zugriff der 'Hitlerjugend' und dem 'Bund Deutscher Mädel', sowie dem immer stärker werdenden Einfluss des Nationalsozialismus auf die Erziehung, zu entziehen, wurden sie im August des Jahres 1943 unter größten Schwierigkeiten in das städt. Gut ,Karlshof' bei Ismaning verlegt. Die äußerst primitive Unterbringung in Karlshof nahm die Anstaltsgemeinschaft gegen die Wahrung der Selbstständigkeit dabei bewusst in Kauf. Leider konnten jedoch nicht alle Kinder des Kinderasyls in Karlshof aufgenommen werden, da die räumlichen Verhältnisse nur Platz für 75 Kinder (3 Gruppen mit je 25 Kindern) boten. Deshalb mussten etwa 70 Kinder vor dem Umzug aus dem Kinderasyl zu Angehörigen bzw. Verwandten oder Lehrherren entlassen werden. In jeweils eine der beiden Holzbaracken die zur Verfügung standen, wurde die Gruppe der kleinen Buben und die der kleinen Mädchen untergebracht, die Gruppe der großen Buben wurde in eine Hühnerlegehalle verlegt. Eine der beiden Malztennen wurde als Küche verwendet, die andere als Schul- und Festraum. Die Verbindung zur ,Außenwelt' (Bahnstation Ismaning) war mittels einer Draisine gewährleistet.
 Über den Aufenthalt in Karlshof entnehmen wir einem Bericht vom 26. Januar 1948 Folgendes:
"Karlshof gibt der Erziehung eine besondere Prägung. Es bietet die Verhältnisse des Siedlers. Aus der Notlage entspringen die Willensimpulse, durch Arbeit die eigenen Lebensverhältnisse zu verbessern. Die ersten Monate, in denen unter Leitung eines Maurers und Zimmerermeisters unter Mithilfe aller eigenen Kräfte, auch der großen Knaben, die Gebäude verbessert und erweitert werden mußten, waren eine erlebnisreiche, tätige, wenn auch schwere Zeit, die allen unvergessen ist und Kinder und Erwachsene zu einer Gemeinschaft zusammenfügte. (...)
Ziel ist die religiös-sittliche Bildung der Kinder im Sinne der Bekenntnisse der Erziehungsberechtigten. Auf die Ausbildung aller Anlagen wird großer Wert gelegt. Eine besondere Note gibt der Erziehung die Verbindung mit den Gutsbetrieben und die enge Verbindung mit der Natur. Die Beschäftigung der Kinder ist keine Frage mehr, wie seinerzeit in der Stadt. Die Arbeit drängt sich auf. Überall müssen die Kinder zugreifen, in der Küche, in den Schlafräumen, im Garten, die Mädchen beim Nähen und Flicken, die großen Knaben mußten wieder bei der Kartoffelernte in Peterhof und beim Flachsausgrasen in Zengermoos helfen.
Zur Verbesserung der Heizung sammelten die großen und kleinen Kinder Holz in den benachbarten Isarauen. Das Torfstechen war eine große Sommerarbeit für alle Kinder. Das Ährenlesen war nicht leicht, aber nützlich und wurde gerne getan, wie alle anderen Arbeiten. Die schwersten Anforderungen stellte die Kartoffelernte. Die Arbeiten machen die Kinder geschickt, praktisch und stärken den positiven Willen. Da sie nicht gesucht sind, sondern sich aus dem täglichen Bedürfnis und dem Lebenslauf von selbst ergeben, stärken sie den Tatsachensinn der Kinder. Sie sind also ein hervorragendes Erziehungsmittel.
 Weil sie schon bei der Evakuierung von uns in den Gesamtarbeitsablauf eintaxiert und bewußt gefördert waren und eine weitgehende Personaleinschränkung von uns selbst seinerzeit schon durchgeführt worden war, ging der im Jahre 1946 durchgeführte Personalabbau über das erträgliche Maß hinaus. Infolge Überlastung des gesamten Personals müssen die Kinder zuviel arbeiten. (...)
Neben der körperlichen Arbeit ist die Anstalt bestrebt, durch Tummeln und Spiele im Freien, durch Turnen, Schwimmen im nahen Gutsweiher, Spaziergänge in die nahe Umgebung, die Kinder körperlich zu kräftigen und gewandt zu machen. Leider mußten im vergangenen Sommer die Kinder so viel arbeiten, daß dieses wichtige Gebiet der Erziehung zeitlich im Vergleich zu den Vorjahren stark eingeschränkt werden mußte. Unsere beliebten Ausflüge in die weiter entfernte Umgebung (Erding, Freising, Stausee, Erching) mußten wir wegen des Schuhwerks und der Verpflegsbeschränkungen im vergangenen Sommer unterlassen.
Die zwanglose, ständige Berührung mit der Natur, die von den Erziehungskräften bei jeder sich bietenden Gelegenheit gegebene Anleitung zum Beobachten, machten die Kinder im Laufe der Jahre sehr aufgeschlossen für alle Naturschönheiten, sogar für Naturstimmungen. Schon die Kleinen verfügen häufig über sehr erfreuliche Kenntnisse der Pflanzen und Tiere. Auch die Gutsarbeiten, die Arbeiten im Felde und auf dem Hof, die Zugtiere und die Weidetiere, spielen eine große Rolle im Erfahrungskreis der Kinder. Sicherlich ist es zum großen Teil der einfachen, manchmal harten Lebensführung, dem häufigen Aufenthalt im Freien bei der im allgemeinen noch befriedigenden Versorgung mit Nahrung und Kleidung zu danken, daß der Gesundheitszustand der Kinder sehr gut war. (. . .)
 Der Schulunterricht wird durch zwei Lehrerinnen erteilt, die vom Schulreferat zugeteilt wurden. Wenn auch manche Mängel, wie Unvollkommenheit der Schuleinrichtung, fehlende Lernmittel, Stromsperre in den Morgen- und Abendstunden, den Unterricht hemmen, so gleicht doch die Regelmäßigkeit der Unterrichtszeiten vieles aus und führt zum Erfolg. Nicht übersehen darf dabei werden, daß die Anstalt außerhalb der Schulzeit selbst sehr intensive Bildungsarbeit leistet. Es wird von den Erziehungskräften bewußt jede Gelegenheit benützt, die Kinder geistig und sittlich zu heben und körperlich zu kräftigen. Die mühevolle aber sorgfältige Pflege der Kinder trägt das ihre dazu bei. Außerdem unterstützen die Erzieherinnen den Schulunterricht im direkten Benehmen mit den Lehrkräften durch tägliche Lern- und Übungsstunden. (...)
Zum Weihnachtsfest, das in ländlicher Stille sehr stimmungsvoll verlief, wurden aus dem Anstaltshaushalt 600,- Reichsmark aufgewendet. Die Kinder wurden meist mit praktischen Geschenken bedacht (Wäsche, Kleidungsstücke, Stoffe). Die Kleineren erhielten Spielsachen, die zum Teil von den größeren Kindern und den Erzieherinnen angefertigt waren. Die reichlich gegebenen Süßigkeiten stammten größtenteils aus der Anstaltsküche. Dazu erhielten wir eine Zuwendung von Keks. Die Kinder nahmen auch an der Bescherung durch die Amerikaner im Hofbräuhauskeller teil (22.12.) Die Unterbrechung des Alltags durch Feste (Ostern, Pfingsten, Namenstage, Fasching, Nikolaus), bringt die Erzieher und die Kinder näher und erfreut das kindliche Gemüt. Die Gesänge, Gedichte und Vorträge der Kinder haben großen bildenden Wert. Die Freude kann im Anstaltsleben nicht entbehrt werden. (.. .)
 Die Verköstigung der Kinder wurde seit 1945 immer schwieriger, da die Zuteilungen, besonders an Fleisch und Fett, im Frühjahr 1947 an Brot, ferner an Nährmitteln unzureichend waren. Die Anstalt ist darum auf zusätzliche Nahrungsmittel angewiesen. Die Verbesserung der Kost wird zunächst aus eigenen Kräften angestrebt. Durch Beihilfe der Kinder bei Landarbeiten auf Gut Karlshof, Peterhof und Zengermoos (Kartoffelernte, Ausgrasen von Gemüse- und Kartoffelfeldern), verdienten sich die Kinder zusätzlich Kartoffeln und etwas Getreide. Die Gemüseversorgung ist durch den eigenen Garten in der Hochstraße 8 gesichert. Durch ausreichend Kartoffeln und Gemüse ist wenigstens die Sättigung der Kinder gewährleistet.
Sonderzuteilungen erhielten wir durch das Stadtjugendamt, von denen die vier ,Schweizerspenden' 1946 und 1947 die wirkungsvollsten waren; ferner durch ,German Youth Activities' im Herbst 1947 und von ,Munich Chapter Orphans Incorporated 7a Harthauserstraße' im Herbst 1947 und 1948. Seit 12. Mai 1947 bekommen die Kinder die Schulspeisung, die für die Ernährung der Kinder die wichtigste Sonderzuteilung ist, weil sie ganz regelmäßig gegeben wird. Mit Hilfe dieser Sonderzuteilungen konnte die sonst einförmige Brot-, Kartoffeln- und Gemüsekost abwechslungsreicher gestaltet werden, der Ernährungszustand der Kinder blieb auf diese Weise bis jetzt vor dem Absinken bewahrt. Der Fettmangel ist aber leider fühlbar. Sehr bedauerlich sind auch die geringen Mengen an Nährmitteln. (. . .)
 Die Kinder verdienen Anerkennung für ihren Fleiß, ihre Ausdauer und ihren Widerstandswillen gegen harte Witterungsunbilden besonders bei der Kartoffelernte 1947. (...)
Die Ausstattung der Kinder mit Kleidern, Wäsche und Schuhen, die Bettung, die Wäschereinigung, die Erneuerung und Instandhaltung der Kleider und Wäsche, die Schuhreparaturen sowie der Schuhersatz, sind nach der Verpflegung das umfangreichste Arbeitsgebiet der Anstaltsbewirtschaftung. Der Erfolg ist durch die Zeitumstände ebenso außergewöhnlich erschwert wie bei der Verköstigung. Die Stoffe sind schlecht und nur unter großen Schwierigkeiten zu beschaffen. Der Verschleiß an Kleidern, Leibwäsche und Strümpfen ist sehr groß. Auch die Bettwäsche zerreißt in den eisernen Stockbetten, die wegen Raummangel im Gebrauch sind, viel stärker als unter normalen Umständen. Es gibt deswegen außergewöhnlich viel Flick- und Ausbesserungsarbeiten, die von den Pflegerinnen (Hilfserzieherinnen), Erzieherinnen und den großen und kleinen Mädchen nur mit Aufbietung aller Kräfte bewältigt werden können. Ersatz für verbrauchte Kleider, Stoffe, Flickzeug und Kurzwaren ist nur in ganz geringem Maß und nur mit größten Schwierigkeiten zu erhalten.
Noch schwieriger ist der Ersatz für unbrauchbar gewordenes Schuhwerk. Da infolgedessen alle Reserven aufgebraucht sind, tragen die Kinder im Winter werktags Holzschuhe, die in den Sälen sehr viel Lärm machen, für die Fußentwicklung ungünstig und nur kurze Zeit haltbar sind. Aber auch Holzschuhe können nicht mehr nachgeschafft werden. (.. .)
Bei den Knaben macht sich der Kleidermangel am meisten bemerkbar. Sehr unangenehm wirkt sich der Raummangel und ganz besonders die Zerstörung der eigenen Wäschereianlage in der Hochstraße aus, weil dadurch die Anstalt gezwungen ist, im ,Müllerschen Volksbad' zu waschen."
Das Kriegsende und den Einmarsch der amerikanischen Soldaten erlebten die Kinder noch in Karlshof. Endlich war für sie die Zeit vorbei, als sie nachts aufstehen und den Luftschutzkeller aufsuchen mussten, vorbei auch die beängstigenden Bilder von abgeworfenen Leuchtraketen über München sowie das erschreckende Geräusch von Bombern und Bomben.
Doch noch einmal, das letzte Mal während dieses schrecklichen Krieges, kam Angst bei den Kindern auf: Jeeps fuhren vor, Soldaten, das Gewehr schussbereit in der Hand, durchsuchten die Schlafbaracken. Aber es dauerte nicht lange, und die Kinder konnten aufatmen. Während sie sich darüber freuten, von den amerikanischen Soldaten getröstet und mit Süßigkeiten beschenkt zu werden, waren die Erwachsenen erleichtert darüber, vom Joch des Nationalsozialismus befreit zu sein. Sie waren glücklich, dass alle den Aufenthalt in Karlshof, wohin sie 1943, um dem immer stärker werdenden Einfluss des Nationalsozialismus, aber auch dem Bombenhagel, zu entgehen, evakuiert worden waren, unbeschadet überstanden hatten.
Als dann der Krieg endlich vorbei war, bestand bei allen nur noch der Wunsch: Zurück nach München ins Kinderasyl. Nachdem dann auch noch kurz nach Kriegsende dem Kinderasyl ein ehemaliges Erholungsheim, die ,Kasperlmühle' im Mangfalltal bei Weyarn, zur Verfügung gestellt, und sofort mit Kindern, die sich in Karlshof befanden, belegt wurde, war der Drang der Zurückgebliebenen, Karlshof möglichst bald wieder verlassen zu können, noch stärker.
Das hing natürlich auch damit zusammen, dass unmittelbar nach dem Krieg, bedingt durch die Intensivierung des Landwirtschaftsbetriebes, auch vom Gut Karlshof verstärkt die Forderung erhoben wurde, einen Teil der gutseigenen Räume wieder für Zwecke des Gutes zur Verfügung gestellt zu bekommen. Außerdem war der bauliche Zustand der Baracken durch jahrelange kriegs- und nach-kriegsbedingte Vernachlässigung des Unterhalts mittlerweile so schlecht geworden - den Kindern drohten sogar gesundheitliche Schädigungen - dass sich eine gründliche Instandsetzung nicht mehr lohnte.
Doch der Umzug in das durch Luftangriffe am 24. April und 17. Dezember 1944 sowie am 7. Januar 1945 stark beschädigte städt. Kinderasyl an der Hochstraße 8, war noch nicht möglich. Das Sozialreferat hatte zwar bereits im Herbst 1947 die Wiederinstandsetzung des Gebäudes an der Hochstraße geplant, da jedoch von der Bausubstanz noch verhältnismäßig viel vorhanden war, bestand von Anfang an Übereinstimmung zwischen dem Sozialreferat und dem Wiederaufbaureferat, dass die Wiederherstellung des Gebäudes nur in seiner früheren Form erfolgen konnte. Eine andere Planung wäre vor der Währungsreform völlig sinnlos gewesen, da ein Abbruch des doch noch ziemlich bedeutenden Baukörpers und eine Neuerrichtung aufgrund einer völlig neuen Raumkonzeption nicht verantwortbar gewesen wäre.
Die 75 Kinder, die im August 1943 in die Baracken des städt. Gutes Karlshof bei Ismaning verlegt wurden, fanden deshalb vorübergehend Unterkunft in Gräfelfing. Dort befand sich ein Heim, das die Bäckerinnung München ursprünglich für die erholungsbedürftigen Kinder ihrer Innungsmitglieder errichtet hatte. Während des Krieges wurde dieses Heim für die Kinder des städtischen Waisenhauses genutzt, die dorthin evakuiert wurden. Da der noch stehen gebliebene Nordflügel des städt. Waisenhauses in München zwischenzeitlich wieder in Stand gesetzt wurde, und die Kinder dadurch ins Waisenhaus zurückkehren konnten, erfolgte der Umzug der Kinder des städt. Kinderasyls von Gut Karlshof in das ,Bäcker-Waldheim' in Gräfelfing im Dezember 1948.
 In der Zwischenzeit schritt der Wiederaufbau des Kinderasyls aus finanziellen Gründen zwar langsam, aber stetig voran und im August 1950 konnten die im ,Bäcker-Waldheim' in Gräfelfing untergebrachten Kinder wieder in das Kinderasyl zurückverlegt werden.
Der Betrieb des Heimes erfolgte nach der Rückkehr in der vor dem Krieg bestehenden Form, d.h., die Kinder wurden wieder getrennt nach Knaben und Mädchen untergebracht und von einer Erzieherin, die von einer Pflegerin unterstützt wurde, betreut. Durch ein vergrößertes Raumangebot im wieder in Stand gesetzten Kinderasyl war es jedoch möglich, die Zahl der Gruppen von vier auf sechs zu erhöhen.
Das hatte zur Folge, dass sich die Gruppenstärke von früher 35 Kinder auf nun 25 Kinder pro Gruppe reduzierte. Jeder Gruppe stand jetzt ein großer Schlafsaal und ein Tagesraum, in dem auch das Essen eingenommen wurde, zur Verfügung. Außerdem wurde in der ehemaligen Heimkapelle ein 15 Plätze umfassender Kindergarten für die noch nicht schulpflichtigen Kinder des Heims und eine Krankenstation eingerichtet.
Nachdem das Leben im Heim wieder seinen gewohnten Gang genommen hatte, kam erneut der schon früher geäußerte Wunsch auf, den Namen des Kinderasyls zu ändern. Auch in der Bevölkerung fand diese Bezeichnung kaum mehr Anklang, sie sprach nur noch vom "Waisenhaus in der Au".
Deshalb startete das Sozialreferat der Landeshauptstadt München im Januar 1952 einem "Wettbewerb", der einen neuen Namen für das städt. Kinderasyl zum Ziel hatte. Die Resonanz in der Münchner Bevölkerung war sehr groß. Über 250 Namensvorschläge, darunter Vorschläge wie "Spatzenburg", "Haus der Liebe" und "Märchenschloß Kinderglück", gingen beim Sozialreferat ein.
Unter den eingesandten Vorschlägen befand sich auch 8-mal der Vorschlag zur Umbenennung in "Münchner Kindl-Heim". Diesen Vorschlag unterbreitete das Sozialreferat dem Stadtrat, der ihn einstimmig annahm.
Im März 1952 wurde das städtische Kinderasyl in Münchner Kindl-Heim umbenannt.
Die Zeit nach dem 2. Weltkrieg war auch innerhalb der Heimerziehung eine ,Zeit des Umbruchs'. Viele Einrichtungen suchten nach einem neuen pädagogischen Selbstverständnis. Im Jahre 1947 entstand in der Schweiz das erste "Pestalozzi-Kinderdorf", zwei Jahre später in Österreich das erste "SOS-Kinderdorf", auch in Deutschland nahm die Kinderdorf-Idee konkrete Formen an. Die zahlenmäßig reduzierte, altersgemischte und koedukative - also familienorientierte - Gruppe, setzte sich immer mehr durch.
In München bot sich die Gelegenheit, sog. ,Familiengruppen' einzurichten, zunächst im städt. Waisenhaus. Dies wurde dadurch möglich, weil das städt. Waisenhaus, im Gegensatz zum damaligen städt. Kinderasyl, bis auf seinen zwischenzeitlich wieder in Stand gesetzten Nordflügel, während des Krieges total zerstört wurde. Deshalb konnten bei der Planung des Wiederaufbaus völlig neue Wege gegangen und moderne Grundsätze der Heimerziehung berücksichtigt werden.
Das ,Familienprinzip' innerhalb der Heimerziehung stellte eine neue Form der Heimpädagogik, im Gegensatz zur Anstaltserziehung, dar. Darunter verstand man vor allem: Überschaubare Gruppenstärke, Buben und Mädchen in ein und derselben Gruppe (Koedukation), altersgemischte Gliederung, abgeschlossene, die "Privatsphäre" fördernde Wohnform und das Herausbilden einer Lebensatmosphäre, eines Gruppenklimas, in dem sich Erziehungskräfte und Gruppenmitglieder menschlich begegnen und näherkommen konnten.
Da dies im Münchner Kindl-Heim aufgrund der baulichen Struktur nicht durchführbar war, fanden schon bald nach dem Wiedereinzug in das alte Gebäude Überlegungen statt, für das Münchner Kindl-Heim ein neues Gebäude zu errichten, in dem die Erfahrungen und Erkenntnisse neuzeitlicher Heimerziehung realisiert werden konnten.
Nachdem sich das Prinzip der ,Familiengruppen' im städt. Waisenhaus zwischenzeitlich bestens bewährt hatte, konnte man sich auf Dauer der Notwendigkeit einer Umstrukturierung des Münchner Kindl-Heims nicht mehr verschließen. Allerdings drängte sich die Frage auf, für welche Zwecke das bestehende Gebäude, ohne wesentliche Baumaßnahmen und ohne große Investitionen, verwendet werden könnte.
Da das Schulreferat beabsichtigte, in München die erste städtische Tagesheimschule zu errichten, erklärte es sich bereit, das Gebäude des Kinderasyls an der Hochstraße, das aufgrund seiner vielen großen Säle dafür bestens geeignet war, zu übernehmen. Dadurch blieb der Stadtverwaltung erspart, hierfür ein eigenes Gebäude zu erstellen.
Für das neue Heim wurde nach umfangreichen Verhandlungen und gründlicher Suche ein geeignetes, ca. 23 000 qm großes Grundstück an der Oberbiberger Straße 45 gefunden, und die Vollversammlung des Stadtrats beschloss am 15.Juli 1958 einstimmig, dort das neue Münchner Kindl-Heim zu errichten.
Das neue Haus sollte sowohl den baulichen als auch den pädagogischen Anforderungen und Grundsätzen moderner Heimerziehung gerecht werden.
 Nach einer knapp zweijährigen Planungsphase konnte mit dem Bau schon im Frühjahr 1960 begonnen, und bereits am 27. September 1960 das Richtfest gefeiert werden.
Umzug in das neue Heim
Am 8. März 1962 war es dann soweit - die Kinder und Jugendlichen des ehemaligen Kinderasyls an der Hochstraße, konnten in das neue Münchner Kindl-Heim an der Oberbiberger Straße einziehen.
 Es waren genau 201 Buben und Mädchen, die im - wie es der "Münchner Merkur" in seiner Ausgabe vom 14. März 1962 bezeichnete, "schönsten Heim Deutschlands", ein Ersatz-Zuhause fanden. In dem aus insgesamt sechs zusammenhängenden Baukörpern bestehenden Komplex waren 16 Gruppenwohnungen, verteilt auf drei 3-stöckige Häuser, untergebracht. Elf Wohnungen waren als sog. ,Familiengruppen' konzipiert mit Platz für jeweils 13 Kinder und Jugendliche. Drei Wohnungen galten als sog. ,heilpädagogische Gruppen' mit jeweils 10 Plätzen, auch sie hatten eine ,familienähnliche' Struktur. Hinzu kamen noch je eine Lehrlingsgruppe für männliche und weibliche Lehrlinge mit jeweils 14 Plätzen.
Innerhalb der etwa 250 qm großen, abgeschlossenen Wohnungen, befanden sich 4 kombinierte Wohn- und Schlafzimmer für die Kinder und Jugendlichen (Mehrbettzimmer), 2 Erzieherinnenzimmer, ein großer Wohnraum mit Essecke, eine Küche, 2 Waschräume mit Bad und Duschen, außerdem verfügte jede Wohnung über einen großen Balkon.
Die beiden Lehrlingsgruppen waren mit Einzelzimmern ausgestattet. Alle Wohnungen waren sehr geschmackvoll, allerdings mit einheitlicher Möblierung, eingerichtet. In kurzer Zeit entstand jedoch mit schöpferischer Phantasie, mit selbstgemalten Bildern und Werkarbeiten der Kinder und Jugendlichen, eine ausgesprochen persönliche Atmosphäre, in der sich die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen sehr wohl fühlten.
Die stark verwohnte Einheitsmöblierung der Gruppenwohnungen wurde Mitte der 70er Jahre erstmals durch neue Möbel, die von den Gruppen selbst ausgewählt wurden, ersetzt. So hatte jetzt auch von der Ausstattung her jede Gruppe ihr eigenes Gesicht.
Einerseits genossen nun alle das relativ ungestörte Zusammenleben in den im Vergleich zum alten Heim an der Hochstraße so viel kleineren Gruppen, die Möglichkeit des Rückzugs ins eigene Zimmer, in einen ganz privaten Bereich und gelegentlich auch einmal die Möglichkeit des Alleinseins; andererseits war aber auch von Anfang an der Wunsch spürbar, über die eigene Gruppe hinaus, zu alten Freunden aus den großen Gruppen des ehemaligen Heims, Kontakt aufzunehmen.
Durch die bauliche Anordnung der drei Gruppenhäuser, die untereinander mit Spielgängen verbunden waren, wurde eine Isolierung der einzelnen Gruppen schon von Anfang an verhindert. Dieses bauliche Konzept kam - im Gegensatz zu einer Bungalow-Siedlung, die bei der Planung des Heims auch im Gespräch war - außerdem auch der tatsächlichen Wohnsituation der Kinder und Jugendlichen vor und nach ihrem Heimaufenthalt näher.
 Das Miteinander der Kinder und Jugendlichen zwischen den einzelnen Gruppen war also von Anfang an gegeben und hat sich bis heute erhalten. Man besuchte sich gegenseitig, traf sich zum Spiel und Sport, zum ,Ratschen' oder auch zum ,Blödsinnmachen'.
 Neben den Gruppenbeschäftigungen und -unternehmungen gab und gibt es seit Beginn des Einzugs viele Freizeitangebote durch gruppenübergreifende Fachkräfte. Besonders die Angebote der Beschäftigungstherapie und des Werkens haben, neben Sport und Musik, seit je her einen hohen Stellenwert im Münchner Kindl-Heim. Hierfür sind die für die damalige Zeit großzügig ausgestatteten Räumlichkeiten, nämlich ein Turn- und Festsaal, ein Musikzimmer und mehrere Therapie- und Werkräume vorhanden.
 Auch das weitflächige Heimgelände ermöglicht bis zum heutigen Tag viele Arten des Spiels und der sportlichen Betätigung: Neben einem Rodelberg und großen Spielwiesen steht den Kindern und Jugendlichen seit dem Jahre 1966 ein Sportplatz, mit der Möglichkeit zum Fußball-, Handball-, Basketball-, Volleyball- und Tennisspielen zur Verfügung.
 Mit Hilfe einer großzügigen Spende konnte im Jahre 1974 außerdem ein Schwimmbad fertiggestellt werden. Der unmittelbar ans Heim angrenzende Forst bietet nach wie vor Gelegenheit zu Spaziergängen und kleinen Wanderungen.
Etwas verspätet, im Jahre 1964, wurde der Kindergarten, der bei der Eröffnung des neuen Heims noch im Rohbau war, fertiggestellt. Ihn besuchten teilweise bis zu 25 Kinder.
Im Jahre 1970 wurde innerhalb des Heims noch ein zusätzlicher Vorschulkindergarten eingerichtet, in dem die 5- und 6-Jährigen vor Schuleintritt gezielt, nach den Grundsätzen Maria Montessoris, gefördert wurden. Als jedoch im Laufe der Jahre immer weniger Vorschulkinder ins Münchner Kindl-Heim kamen, wurde dieser im Sommer 1980 wieder aufgelöst. Den Kindergarten übernahm im Herbst 1982 das Schulreferat, sei dieser Zeit wird er als öffentlicher Kindergarten weitergeführt.
Innerhalb des Heims befanden sich neben der Krankenstation, der Großküche, Nähstube, Schneiderei sowie der Waschküche auch ein Konferenz- und Kaminzimmer, Personalwohnungen, Verwaltungsbüros, die Bibliothek, ein Partykeller, ein Fotolabor, eine Werkstatt für den Hausmeister und ein Raum für den Gärtner.
Betreut wurde jede Gruppe, wie auch zuvor im ehemaligen Kinderasyl, nach wie vor von nur einer Erzieherin. Allerdings stand ihr nun keine Pflegerin mehr zur Seite, da die ehemaligen Pflegerinnen im neuen Heim in den zentralen hauswirtschaftlichen Bereich eingebunden wurden. Dafür stand jetzt jeweils zwei Gruppen eine Roulierkraft zur Verfügung, die die Erzieherinnen während ihres Urlaubs, ihrer freien Tage oder bei Krankheit vertrat sowie zeitweise Praktikantinnen und Praktikanten.
Was diese Erzieherinnen, die rund um die Uhr in ihrer Gruppe arbeiteten und lebten, geleistet haben, ist für uns heute nur noch schwer nachvollziehbar. Einen Teil ihrer Kraft nahmen sie sicher daher, dass sie sich ganz mit ihrer Gruppe identifizierten und aus diesem ,Einssein' bei allen Schwierigkeiten und Entbehrungen Kraft schöpften.
Im Jahre 1966 wurde dann jeder Gruppe die lange geforderte 2. Planstelle zugeschaltet und zwei Jahre später eine zusätzliche Planstelle für Berufspraktikantinnen und Berufspraktikanten geschaffen.
Dass die Notwendigkeit einer heilpädagogischen Betreuung schon sehr früh erkannt wurde, geht aus Berichten dieser Zeit hervor. Es war kein Zufall, dass im neuen Heim 3 sog. ,heilpädagogische Gruppen' eingeplant wurden. In diesen kleineren Gruppen sollte die Möglichkeit geschaffen werden, Kinder mit erheblichen Entwicklungsstörungen besonders individuell zu betreuen. Dieses Vorhaben erwies sich jedoch schon nach kurzer Zeit als nicht realisierbar. Zum einen stellte dies für die Erzieherinnen dieser Gruppen, die keine zusätzliche pädagogische oder gar heilpädagogische Ausbildung bzw. keine entsprechende Unterstützung in der Gruppenarbeit hatten, eine enorme Belastung dar, zum anderen zeigte sich, dass solche Sondergruppen im Heim eine gewisse Stigmatisierung erfahren. Es wurde deshalb bereits im Jahre 1964 begonnen, sog. "Problemkinder" auf alle Gruppen des Hauses zu verteilen und dort zu integrieren.
Gleichzeitig wurde eine umfangreiche heiminterne Fortbildung für das Erziehungspersonal in Zusammenhang mit der Heckscher Klinik durchgeführt. Durch die ein Jahr später beginnende, sehr enge Zusammenarbeit mit dem ,Alfred-Adler-Institut' (u. a. durch die Einrichtung von Spieltherapiegruppen und Supervision), befasste man sich schon Mitte der 60er Jahre mit einer tiefenpsychologisch orientierten, heilpädagogischen Konzeption, die kontinuierlich zu unserem heutigen heilpädagogischen Heimkonzept hinführte. Maßgeblich beteiligt daran war der ehem. Jugendamtsleiter und Psychotherapeut, Kurt Seelmann, der selbst Schüler von Alfred Adler war, und im Laufe der Jahre zu einem großen Freund und Förderer des Münchner Kindl-Heims wurde.
Das neue Münchner Kindl-Heim bot mit den aufgezeigten Möglichkeiten schon damals sehr gute Voraussetzungen für eine unspezifische Milieutherapie, die ergänzt wurde durch pädagogische Maßnahmen einer gezielten Sozial- und Individualerziehung. In regelmäßigen Erzieherkonferenzen, in Besprechungen der Gruppenerziehungskräfte mit der Heimleitung, der Beschäftigungstherapeutin und das Werklehrers, die ausgewählte, besonders förderungsbedürftige Kinder und Jugendliche in einer heilpädagogisch orientierten Beschäftigungstherapie bzw. im Werken betreuten, sowie in Gesprächen mit anderen gruppenübergreifenden Erziehungskräften und einer Psychologin, die stundenweise im Heim mitarbeitete, wurden zusätzliche erzieherische, und ansatzweise, heilpädagogisch-psychologische Hilfen erarbeitet. Dies war insofern erforderlich, da zwar nach wie vor noch viele Kinder und Jugendliche aus dem ehemaligen Kinderasyl im neuen Heim lebten, doch zu den Waisen, Halbwaisen und ,Sozialwaisen' kamen immer mehr Kinder und Jugendliche aus Familien, die aufgrund besonderer wirtschaftlicher und/oder persönlicher Belastungen mit der Erziehung überfordert waren. Viele dieser Kinder und Jugendlichen waren also aufgrund ihrer Vorgeschichte in ihrer Persönlichkeitsentwicklung beeinträchtigt und bedurften dadurch einer speziellen Hilfe und Förderung.
Jedes noch so gut geplante Heim musste deshalb stets von Anfang an offen sein für Wandlungen und Verbesserungen. Das Heim war und ist Teil einer Gesellschaft die sich wandelt und immer wieder neue Probleme und Problemfälle schafft. Auf die veränderten gesellschaftlichen und damit auch erzieherischen Anforderungen musste und muss das Heim eine Antwort finden.
Lange bevor theoretische Konzepte auf kommunaler oder Landesebene, z. B. die "Heimdifferenzierung", entwickelt, und vor allem verwirklicht wurden, musste sich eine pädagogische Einrichtung wie das Münchner Kindl-Heim, das sich nie als ,Verwahranstalt' verstand, und das allen Kindern und Jugendlichen gerecht werden wollte, mit der neuen Situation theoretisch und praktisch auseinandersetzen und - häufig ohne die personellen Voraussetzungen - helfen. Dies führte sicherlich zu mancher Überforderung und auch im Einzelfall zu manchem Versagen, zumal das Heim stets bereit war, Kinder und Jugendliche aufzunehmen, die woanders keinen Platz mehr fanden. So kam es schließlich dazu, dass im Münchner Kindl-Heim immer mehr Kinder und vor allem Jugendliche, die einer besonderen heilpädagogischen Betreuung bedurften, aufgenommen wurden. Es war deshalb kein Zufall, sondern entsprang einer echten ,Notwendigkeit', dass schon in den 60er, vor allem jedoch in den 70er Jahren, neben selbst entwickelten zusätzlichen Erziehungshilfen (Erstellung und Fortschreibung von Erziehungsplänen, verstärkte heilpädagogische Fortbildung der Erziehungskräfte, Versuch der Schaffung einer heilpädagogischen Gruppenatmosphäre, Einbeziehung aller am Erziehungsprozess Beteiligten) schon frühzeitig Veränderungen und Verbesserungen gefordert wurden.
Bereits im Jahre 1969 wurde deshalb, wie aus dem damaligen Verwaltungsbericht hervorgeht, eine Reduzierung der Gruppenstärke von 13 auf 10 Kinder und Jugendliche pro Gruppe sowie die Zuschaltung von zwei sozialpädagogischen bzw. heilpädagogischen Fachkräften und eine psychologische Abklärung der Neuaufnahmen durch die städt. Erziehungsberatungsstellen als dringend notwendig erachtet.
Schon kurze Zeit später begann eine intensive und fruchtbare Zusammenarbeit mit der städt. Erziehungsberatungsstelle München-Ost und im Jahre 1973 erfolgte dann die Reduzierung der Gruppenstärke auf 11 Kinder und Jugendliche pro Gruppe, was die Heimleitung allerdings nicht davon abhielt, eine weitere Reduzierung der Gruppenstärke sowie eine Personalzuschaltung zu beantragen.
Natürlich wurde keinesfalls übersehen, dass so manche Verbesserung, z. B. die Vermehrung der Bezugspersonen in einer Gruppe, auch wieder neue Probleme schuf. Diese Spannung musste ausgehalten und nach neuen Lösungen gesucht werden. Man war der Meinung, den Kindern und Jugendlichen nicht helfen zu können und die Erziehungskräfte zu frustrieren - was sich wiederum negativ auf die zu Betreuenden auswirkt - wenn man mit einer "überholten" bzw. nicht mehr realisierbaren ,Familienideologie' die Augen vor der Realität verschließt. Zwar bildeten die Kriterien des ,Familienprinzips' weiterhin den äußeren Rahmen der praktischen Arbeit im Heim, und die Bezeichnung ,familienähnlich' wurde nach wie vor angewandt, trotzdem hatte sich im Laufe der Jahre ein Strukturwandel vollzogen, der sich etwa folgendermaßen darstellte:
Aus den heimatlosen, unversorgten und unverwahrten Kindern und Jugendlichen wurden zunehmend verhaltensauffällige, emotional geschädigte Kinder und Jugendliche. Da sich die Zahl der Erzieherinnen und Erzieher pro Gruppe inzwischen auf drei erhöht hatte, war deren Lebensort, im Vergleich zu früher bei nur einer Erzieherin, nicht mehr identisch mit dem der Kinder und Jugendlichen.
Bis Ende der 60er Jahre verstanden sich viele Erzieherinnen als ,Gruppenmütter', die mit ihren Kindern eine ,Ersatzfamilie' bildeten. Diese stark emotional geprägte Gemeinschaft setzte voraus, dass sich die Erzieherin mit ihrer Familiengruppe voll identifizierte und weitgehend auf ein Privatleben verzichtete. Da sich die "pädagogische Bedarfslage" aufgrund der neuen Klientel - für die das so intensive mütterliche Umsorgtwerden nicht nur nicht mehr ausreichte, sondern für die es teilweise sogar "kontraindiziert" war - jedoch zunehmend änderte, wurde von den Erzieherinnen und Erziehern eine immer mehr reflektierende und planende Erziehungsarbeit gefordert. Doch diesen professionellen pädagogischen Ansprüchen, verbunden mit den berechtigten arbeits- und tarifrechtlichen Forderungen der Erzieherinnen und Erzieher, konnte nur noch ein Erzieherteam mit vier Erziehungskräften genügen.
Im September 1978 erfolgte deshalb im Münchner Kindl-Heim die Zuschaltung der 4. Erziehungskraft pro Gruppe. Dem damaligen heilpädagogisch-orientierten Charakter des Heims wurde schon im Jahre 1975, durch die Anstellung einer Heilpädagogin im gruppenübergreifenden Bereich, Rechnung getragen. Als wichtiger Bestandteil innerhalb des Erziehungsprozesses wurde bereits sehr früh auch die Bedeutung von ,Außenkontakten' erkannt.
Durch den Umzug von der Hochstraße in die Oberbiberger Straße und den für die Schülerinnen und Schüler des Münchner Kindl-Heims damit verbundenen Orts- und Schulwechsel, wurden bisherige Kontakte und Freundschaften meist abgebrochen und neue Beziehungen mussten aufgebaut werden.
Dies war in der neuen Umgebung allerdings besonders schwierig. Einerseits wurde nämlich im neuen Heim sehr viel geboten und jeder und jede konnte einen Freund oder eine Freundin finden, andererseits bestanden bei einem großen Teil der Nachbarschaft starke Vorurteile gegenüber dem Heim. Auch die spezifische Bevölkerungsstruktur Harlachings erschwerte das Zustandekommen von Außenkontakten.
Die Erziehungskräfte und die Heimleitung mussten kräftig mithelfen, um z. B. Vorurteile bei den Eltern von Mitschülerinnen und Mitschülern abzubauen. Im Laufe der Jahre kam es aber dann mit tatkräftiger Unterstützung des Elternbeirats, dem auch die Heimleitung angehörte, zu vielen dauerhaften Schulfreundschaften. Um jedoch die Beziehungen nicht einseitig werden zu lassen, kamen die Freunde und Freundinnen von außerhalb natürlich auch in die Gruppen und nahmen an den verschiedensten Aktivitäten im Heim teil. Dadurch konnten Vorurteile gegen Heim und ,Heimkinder' abgebaut werden und die Kinder und Jugendlichen des Heims waren stolz, ihr so schönes Zuhause mit den vielen Freizeitmöglichkeiten, ihren Freunden und Freundinnen zeigen zu können. Ein anderer Ansatzpunkt für Außenkontakte waren Sportvereine und Jugendgruppen.
Doch mit den Erziehungsschwierigkeiten im Heim nahmen auch die schulischen Probleme zu. Zeitweilig wurde von den Schulen die weitere Aufnahme von Kindern und Jugendlichen des Heims in Frage gestellt, immer mehr Schüler wurden an die Sondervolksschule für Erziehungsschwierige überwiesen. Die Zusammenballung besonders schwieriger Schüler, die Stigmatisierung durch das Aussondern aus der ,Normalschule' und der weite Schulweg verstärkten jedoch die Erziehungsschwierigkeiten.
Die Heimleitung versuchte in vielen Gesprächen mit der Regierung von Oberbayern und dem staatl. Schulamt zu erreichen, dass die Schulen, die von den Kindern und Jugendlichen des Münchner Kindl-Heims besucht wurden, einen "Sonder-Status" (geringere Klassenstärke, zusätzliche Lehrkräfte für eine Sonderförderung, um die Integration in die Klassen zu erleichtern) erhalten. Leider blieben diese Bemühungen erfolglos, doch die Situation der Schülerinnen und Schüler des Heims konnte letztendlich trotzdem verbessert werden. Durch einen ganz intensiven Kontakt mit den Lehrkräften und den Schulleitungen, durch die Lehrer-Erziehergesprächsrunden und gemeinsame Fortbildungsveranstaltungen konnte erreicht werden, dass die Kinder und Jugendlichen des Heims in den Schulen wieder angenommen und integriert wurden.
Wie schon erwähnt, hatte sich die Aufgabe des Heims inzwischen immer mehr auf die Fälle verschoben, in denen zwar die Eltern der Kinder und Jugendlichen noch lebten, aus unterschiedlichen Gründen aber nicht in der Lage waren, die Erziehung oder das ,Wohl' der Kinder und Jugendlichen zu gewährleisten. So war der zeitlich begrenzte oder dauernde Erziehungsausfall der Eltern immer häufiger der wesentliche Grund für die Heimaufnahme.
Die Aufrechterhaltung der Verbindung zu ihnen wurde deshalb schon damals als besonders wichtig angesehen. Im Rahmen einer ,Elternarbeit' wurden sie erzieherisch beraten, man bot ihnen Hilfen an und führte auch, falls erforderlich, im Interesse der Kinder und Jugendlichen die notwendigen Auseinandersetzungen mit ihnen.
Um sowohl den Kindern und Jugendlichen, als auch deren Eltern bzw. Angehörigen die Möglichkeit zu bieten, weiterhin regelmäßig miteinander in Verbindung zu bleiben, wurden die 14-tägigen sog. ,Ausgangswochenenden' eingeführt. Dadurch wurde der ,familien-ergänzende' Aspekt der Einrichtung besonders hervorgehoben.
Als Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre unter dem Motto "Holt die Kinder aus den Heimen", die sog. ,antiautoritäre Bewegung' sich der Heimerziehung ,annahm' entstanden auch im Münchner Kindl-Heim teilweise heftige interne Fachdiskussionen. Doch durch die Rückbesinnung auf das, was sich in einer langen Heimtradition bewährt hat, blieb man letztendlich auf dem Boden der Realität - und trotzdem bot das Heim den antiautoritären Aktivisten, die fast ausschließlich außerhalb des Heims standen und die Heime insgesamt abschaffen wollten, wenig Angriffsflächen. Es ist deshalb in diesem Zusammenhang wichtig darauf hinzuweisen, was zu dieser langen Heimtradition gehört.
Zuallererst die liberalen Grundgedanken aus der Gründungszeit, die man stets lebendig zu halten versuchte und versucht - im übrigen auch, obwohl nur bruchstückhaft möglich - durch diese Festschrift.
Durch diese ein Jahrhundert alte Tradition wurde und wird die Atmosphäre und der Geist des Hauses mitbestimmt. Hinzu kommt die schon seit fast 30 Jahren praktizierte große Selbstständigkeit der Gruppen. Es wird stets weiter versucht, durch mehr Mit- und Selbstverantwortung für die Erzieherinnen und Erzieher auch die Selbstständigkeit laufend zu vergrößern. Diesem Bemühen sind allerdings manchmal noch institutionelle Grenzen gesetzt. Im Jahre 1970 wurde der "Heimrat" gegründet, ein Mitbestimmungsgremium, in dem Kinder, Jugendliche und Erziehungskräfte aus allen Gruppen zusammen mit der Heimleitung, alle die Kinder und Jugendlichen bzw. das Heim betreffenden Probleme besprechen und gemeinsam demokratische Beschlüsse schaffen.
Im Jahre 1974 wurden sog. "Hausbesprechungen" eingeführt, um den Erfahrungsaustausch der Erziehungskräfte untereinander zu fördern bzw. interne Fortbildungen durchzuführen. Seit 1963 gibt es auch eine Reihe von inzwischen schon traditionellen "Fixpunkten" im Heimleben, die wie ein Gerüst im Jahresablauf sind. Es sind dies der Wandertag, das Sportfest, das Sommerfest, die große Heimweihnachtsfeier sowie die alle zwei Jahre stattfindende Begegnung mit ,Ehemaligen' aller Generationen, das "Ehemaligentreffen".
 Innerhalb der Gruppen gehören die Feiern und Feste an Geburtstagen, an Fasching, Nikolaus und Weihnachten sowie der wöchentliche Gruppenabend zu festen Bestandteilen. Aber auch Wochenend- und Ferienunternehmungen hatten und haben schon seit jeher einen hohen Stellenwert innerhalb des Gruppenlebens.
Vor 1950 erstreckten sich die Gruppenunternehmungen und Ferienmaßnahmen hauptsächlich auf Badeausflüge, Eislaufen, Erkundung der näheren Umgebung Münchens und Ferienaufenthalte auf dem städt. Gut Karlshof.
 In der Nachkriegszeit war dann die "Kasperlmühle" bei Weyarn, die, wie bereits erwähnt, seit 1945 eine Außenstelle des Münchner Kindl-Heims war, und in der mittlerweile 35 Kinder lebten, ein häufig frequentiertes Ferienziel. In diesem, von der damaligen Heimleiterin sehr familiär geführten Heim, fühlten sich die Münchner Kinder während der Ferien besonders wohl. Nachdem jedoch Anfang der 70er Jahre ein großes Überangebot an Heimplätzen bestand, und die Nachfrage einige Jahre lang sehr gering war, wurde die Kasperlmühle im September 1976 geschlossen. Seither ist darin ein Schullandheim untergebracht.
Für die Jugendlichen des Heims begann mit der Nachkriegszeit die Zeit der Radltouren und der Zeltlager - diese Art der Feriengestaltung hat sich bis zum heutigen Tag erhalten. Aber auch Skifahren und Wandern, bis hin zum Bergsteigen, haben im Münchner Kindl-Heim eine lange Tradition. Schon sehr früh wurde der ,erlebnispädagogische' Wert vieler Freizeitmaßnahmen erkannt und genutzt. Ob im Bayerischen Wald, in den Bergen des Voralpengebietes oder auf einer Hütte in der Wildschönau, überall erlebten die Kinder und Jugendlichen sehr schöne Ferien. Auch der inzwischen schon sehr bekannte Fernwanderweg "München-Venedig", wurde bereits im Jahre 1978 von einer Gruppe Kinder und Jugendlicher des Heims zu Fuß zurückgelegt und dadurch zu einem unvergesslichen Erlebnis.
 In den Jahren 1960-1970 stand den Kindern und Jugendlichen auch eine Ferienhütte in Aurach, in der Nähe von Bayrischzell, zur Verfügung. Der Verein "Freunde des Münchner Kindl-Heims e.V." konnte langfristig einen ehemaligen Schweinestall mieten, der von den Jugendlichen des Heims in unzähligen Arbeitsstunden zu einer gemütlichen Ferienhütte umgebaut wurde. Diese Hütte, in der die Kinder und Jugendlichen unvergessliche Ferientage verbrachten, brannte leider im Jahre 1970 ab.
 Seit 1976 steht den Kindern und Jugendlichen des Münchner Kindl-Heims jedoch erneut ein Ferienquartier zur Verfügung. Nur wenige Kilometer von der abgebrannten Hütte entfernt, hat derselbe Verein, überwiegend aus Spendenmitteln, ein eigenes Ferienhaus erbaut. Ein Teil der Spendenmittel des Vereins fließt auch verschiedenen Freizeit- und Ferienmaßnahmen zu, denn gerade sie sind ein wichtiges Element der Gruppenpädagogik. Die dort gemeinsam gewonnenen Erlebnisse prägen die Prozesse des Miteinander in der Gruppe und wirken sich anhaltend auf den Interaktionsprozess der Gruppe aus.
Allerdings soll in diesem Zusammenhang auch nicht vergessen werden, dass der Ferienaustausch bzw. die Begegnungen mit Kindern und Jugendlichen aus verschiedenen Heimen Deutschlands sowie der Schweiz, Polen, Ungarn und der Ukraine, in der Vergangenheit zu vielen Freundschaften und Verbindungen außerhalb des Heims geführt hat.
Anfang 1972 wurde auch im Münchner Kindl-Heim der "kostendeckende Pflegesatz" eingeführt. Bis zu diesem Zeitpunkt arbeitete das Heim auf der Grundlage eines ,fiktiven' Pflegesatzes, d.h., das Betriebsdefizit des Heims wurde durch einen Zuschuss der Landeshauptstadt München am Jahresende ausgeglichen. Damit wurde eine bis zum heutigen Tag anhaltende Diskussion in Gang gesetzt, die den Pflegesatz zu einem Hauptargument für die Gegner der Heimerziehung werden ließ, so dass er seit dieser Zeit wie ein "Damoklesschwert" ständig über den Heimen hängt.
Dabei wird leider viel zu häufig übersehen, dass viele der Kinder und Jugendlichen für andere Maßnahmen aus familiären, persönlichkeitsbedingten oder Altersgründen nicht in Frage kommen.
Tatsache ist auch, dass die Kinder und Jugendlichen vor der Heimaufnahme heute in der Regel mehrere Stationen im Rahmen der Hilfemaßnahmen durchlaufen als früher - doch viel zu selten wird gefragt, wie viele, welche und wie erfolgreich die verschiedenen ambulanten Dienste oder Hilfemaßnahmen vor der Heimeinweisung eingesetzt waren, auch die Kostenfrage wird dabei häufig nicht gestellt.
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Heim leisten an allen Tagen des Jahres ganzheitliche Hilfe rund um die Uhr, denn Heimerziehung muss die Familie zeitweise ersetzen, alle ambulanten Dienste ergänzen die Familienarbeit nur. Deshalb sind die Leistungen des Heims für die Betroffenen existenzielle Hilfen. Das Hilfsangebot Heimerziehung muss deshalb innerhalb der Kinder- und Jugendhilfe neben den anderen Maßnahmen eine gleichwertige Rolle spielen, denn man kann weder auf die ambulanten Dienste, noch auf die Heimerziehung verzichten. Allerdings sollte man auch für die Hilfsmaßnahme Heimerziehung genau die gleichen Maßstäbe ansetzen: ohne Kostendruck und ohne Erfolgszwang.
Durch die Unterstützung des Vereins "Freunde des Münchner Kindl-Heims e.V.", konnten im Jahre 1974 Zimmer und Wohnungen für ältere Jugendliche bzw. junge Erwachsene, die kurz vor dem Heimaustritt standen, angemietet werden. Eine bis dahin häufig praktizierte Verlegung in Lehrlingswohnheime entfiel dadurch, und der im Heim begonnene Verselbstständigungsprozess wird seit dieser Zeit in Form des "Betreuten Wohnens" weitergeführt bzw. abgeschlossen. Diese realitätsbezogene Betreuungsform in dezentralen Wohneinheiten außerhalb des Heims, ist seit dieser Zeit in das Hilfeangebot des Münchner Kindl-Heims integriert.
Die bereits Anfang der 70er Jahre angestellten Überlegungen bezüglich einer Umstrukturierung in ein heilpädagogisches Heim, fanden im Jahre 1981 ihren Abschluss.
Die Vollversammlung des Stadtrates der Landeshauptstadt München stimmte am 1.7.1981 der Umstrukturierung zu. Dadurch wurden viele, schon in den vorausgegangenen Jahren konzeptionell entwickelte und bereits - allerdings unter erschwerten Bedingungen - praktizierte heilpädagogische Hilfemaßnahmen bzw. -angebote, festgeschrieben. Die Beifügung "heilpädagogisch" wird dabei in der Weise verwandt, als mit ihr institutionelle bzw. erzieherische Hilfen bei besonderen individuellen Schwierigkeiten von Kindern und Jugendlichen gemeint sind. In die heimpädagogische Praxis übersetzt bedeutet dies, dass das Heim aufgrund der Probleme, Defizite und Entwicklungsbeeinträchtigungen der in ihm betreuten Kinder und Jugendlichen über entsprechende Hilfemöglichkeiten verfügen muss.
Im Zuge einer inneren Differenzierung entstanden so neben den familienähnlichen, altersheterogenen Gruppen auch altershomogene Gruppen für ältere Schülerinnen, Schüler und Lehrlinge, sowie wirtschaftlich sich selbstverpflegende Jugendwohngemeinschaften für nicht mehr Schulpflichtige und Lehrlinge. Ein heilpädagogisch-psychologisches Fachteam (bestehend aus 3 Heilpädagoginnen und 1 Psychologin), das regelmäßig in Beratungsgesprächen den Erzieherinnen und Erziehern Gruppenprozesse transparent macht, sie bei der positiven Veränderung von Gruppenstrukturen und bei der Erstellung von Gruppen- und Einzelerziehungsplänen unterstützt, und außerdem bei der Schaffung einer heilpädagogischen Gruppenatmosphäre mitwirkt, wurde zugeschaltet. Ein Sozialpädagoge übernimmt seit dieser Zeit schul- und freizeitpädagogische Aufgaben sowie die Nachbetreuung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen nach deren Austritt aus dem Heim.
Der Leistungsstress unserer Gesellschaft und die zunehmende Jugendgefährdung durch Umwelteinflüsse, bewirken ein vermehrtes Fehlverhalten von Kindern und Jugendlichen, seelische Störungen und größere Erziehungsschwierigkeiten. In vielen Fällen sind bei diesen Schwierigkeiten ambulante Maßnahmen nicht indiziert bzw. haben keinen Erfolg gebracht, so dass eine Unterbringung im Heim angezeigt war. So weisen auch die meisten der bei uns untergebrachten Kinder und Jugendlichen Verhaltensauffälligkeiten auf, und ihre Eltern waren und sind mit den notwendigen bzw. gewünschten Veränderungen der Auffälligkeiten teilweise überfordert. Der Elternarbeit kommt vor diesem Hintergrund deshalb weiterhin eine große Bedeutung zu.
Durch werk- und beschäftigungstherapeutische, sportliche und musische Angebote wird versucht, vielfältige Anregungen zu vermitteln, um die Kinder und Jugendlichen zu einem konstruktiven Freizeitverhalten anzuleiten. Der Schul-, besonders jedoch der Berufsausbildung, wird nach wie vor ein großes Gewicht beigemessen. Dadurch, dass immer mehr ältere Kinder und Jugendliche ins Münchner Kindl-Heim kamen und kommen, wird unsere heilpädagogische Arbeit zunehmend von gruppenpädagogischen Ansätzen bestimmt. Gleichzeitig wird jedoch versucht, eine möglichst persönlich-familienorientierte Gruppenatmosphäre zu schaffen bzw. zu erhalten. Der Wandel, vom ehemaligen Kinderasyl zum heilpädagogischen Heim, hat sich, wie diese Aufzeichnungen zeigen, kontinuierlich - gesellschaftlichen Gegebenheiten sowie pädagogischen Notwendigkeiten anpassend -vollzogen. Doch trotz der sich wandelnden Aufgaben ist sehr viel konstant geblieben. Vor allem hat sich der liberale Geist der Gründerväter über ein Jahrhundert erhalten, und das Heim hat dadurch seine Identität bewahrt.
Der sozialen Weitsicht und dem sozialen Engagement der Gründerväter verdanken wir, dass besonders ein Satz aus den Ausführungen zum Gründungsbeschluss von 1891, die aktuelle Situation erfasst. Er heißt, dass "Kinder ohne konfessionelle Grenzen im städt. Kinderasyl Aufnahme finden sollen". Heute ist das Münchner Kindl-Heim nicht nur ein überkonfessionelles Heim, in dem Christen, Muslime, Hindus und Buddhisten, sondern auch ein übernationales Heim, in dem Kinder und Jugendliche aus rund 20 Nationen - aus den verschiedensten Krisengebieten der Welt - friedlich zusammenleben und eine hoffnungsvolle Zukunft versprechen. Dem inzwischen etwas verpönten alten Namen ,Kinderasyl' wurde dadurch wieder eine neue, positive Bedeutung verliehen, und der Kreis der 100jährigen Geschichte des Heims geschlossen.

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